Die Wiedervereinigung der beiden Koreas

Heute scheint der Stücktitel von Joël Pommerat noch unrealistischer als während der Obama-Ära im Jahr 2013, als der französische Autor „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ schrieb und in Paris uraufführte. Wer mag angesichts der sich wechselseitig hochschaukelnden Aggressionen zwischen Donald Trump und dem als „Rocket Man“ verspotteten Kim Jong-Un noch an eine baldige Annäherung zwischen Nord- und Südkorea oder gar eine utopische Einheit der Staaten glauben?

Die weltpolitische Lage spielt an diesem Theaterabend allerdings ohnehin keine Rolle. Pommerat erzählt stattdessen von ganz privaten Dingen und umkreist in 19 kurzen Szenen die Liebe und vor allem ihr Scheitern. In Deutschland wurde das Stück des französischen Starautors, der zuletzt mit einem Abend über die Revolution von 1789 für Furore sorgte, in den vergangenen Jahren recht oft nachgespielt. Beispielsweise inszenierte Oliver Reese 2015 eine Koproduktion des Schauspiels Frankfurt und der Ruhrfestspiele Recklinghausen, die er in diesem Herbst ans Berliner Ensemble mitbrachte.

Von Arthur Schnitzlers „Reigen“ und Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ sei das Stück inspiriert, ist im Programmheft zu lesen: An den Wiener Dichter erinnert die beeindruckende Zahl von Figuren, die sich in kurzen Szenen abwechseln. Pommerat bringt es im Gegensatz zu Schnitzler sogar auf mehr als 50 Personen. Der große schwedische Filmregisseur schimmert in der düsteren Erkenntnis durch, dass die Figuren sich nach Liebe sehnen, aber auf ganz unterschiedliche Art scheitern.

Die 19 Szenen sind nur dadurch verbunden, dass sie assoziativ dieselben Themen umkreisen. Ein dramaturgischer Spannungsbogen fehlt. Starke Szenen wie „Liebe“, in der ein Ehepaar (Franziska Junge/Till Weinheimer) und die Schulleiterin (Corinna Kirchhoff) einem engagierten Lehrer (Marc Oliver Schulze) pädophile Übergriffe vorwerfen, gibt es vor allem in der ersten Hälfte vor der Pause zu selten. Zu den gelungenen Momenten gehören: „Warten“ über Nachbarn (Verena Bukal und Veit Schubert), die sich eingestehen müssen, dass sie von ihren Partnern betrogen wurden. Oder auch „Gedächtnis“ mit Corinna Kirchhoff in der Rolle der dementen Cécile beim Spaziergang mit ihrem Mann (Till Weinheimer). Aus dieser Szene stammt die titelgebende Metapher.

DIE WIEDERVEREINIGUNG DER BEIDEN KOREAS/Berliner Ensemble

Oft kippt der Abend aber auch zu sehr ins Boulevardeske, vor allem Franziska Junge und Verena Bukal müssen hysterisch kreischende Knallchargen spielen: z.B. in „Hochzeit“ über die Braut Christelle, die erfährt, dass der Bräutigam zuvor schon mit allen ihren Schwestern geflirtet hat. Wegen der sehr schwankenden Qualität von Pommerats kurzen Dialogen wäre es klüger, sich gleich auf die besten Passagen zu stürzen und daraus einen kompakteren Abend zu machen.

Ein Plus des Abends sind die Chansons, die Franziska Junge und Carina Zichner an manchen Szenen-Übergängen bieten. Wie schon bei „Eine Familie“ zeichnet sich die Inszenierung durch ihre Musikalität aus, die über andere Mängel hinwegsehen lässt.

Auf Josefine Platt musste das Publikum heute leider verzichten: Ihre Gesangs- und Sprech-Passagen teilten sich die anderen Frauen auf, eine der 19 Miniaturen entfiel.

Bilder:  Birgit Hupfeld

 

 

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