Trommeln in der Nacht

Im September 1922 brachte Otto Falckenberg, Intendant der Münchner Kammerspiele, ein Stück seines damals noch völlig unbekannten Dramaturgen Bertolt Brecht zur Uraufführung: „Trommeln in der Nacht“.

Das recht schlichte Drama über den aus Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Andreas Kragler, der zunächst feststellen muss, dass sich seine Freundin Anna für den schnöseligen Fabrik-Erben Friedrich Murk entschieden hat und am Ende des Stücks, als sie doch zu ihm zurückkehrt, vor der Wahl steht, ob er weiter mit den Spartakisten für die Räte-Revolution kämpfen oder sich lieber ins private Glück zurückziehen soll, wirkt heute reichlich angestaubt.

Christopher Rüping, Hausregisseur an Matthias Lilienthals Kammerspielen, reizte es, dieses Werk am selben Haus fast hundert Jahre später erneut zu inszenieren. Gemeinsam mit seinem Ensemble stellte er sich die Frage, wie die Aufführung damals wohl ausgesehen haben mag. Die Quellenlage ist recht mager, deshalb vertrauten die Spielerinnen und Spieler vor allem auf ihre Phantasie.

Für ihr Re-Enactment fertigte Jonathan Mertz Pappkulissen an, die Hochhäuser und ein kleinbürgerliches Wohnzimmer darstellen sollen. Übertrieben steif, in überdeutlicher Artikulation und bis zur Zombiehaftigkeit leblos sprechen die Schauspieler ihre Texte. War das Theater vor einem Jahrhundert tatsächlich so furchtbar statisch, zäh und langweilig? Hoffentlich nicht.

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In ihrem Eifer, in den historischen Stoff einzusteigen, verlieren sich Rüping und sein Team in einem Museum. Das Theater kommt viel zu kurz.

Das gilt leider auch für die späteren Akte des Dramas: der Abend zerfasert zur müden Performance. Die klaren Rollen lösen sich zum Teil auf, Damian Rebgetz ironisiert und karikiert das Bühnengeschehen durch immer häufiger eingestreute Songs. Einem fiktiven Gast hinter der Bühne fasst er das bisherige Geschehen auf Deutsch und Englisch zusammen. Als er ihn mit „Fuck of“-Tiraden abwimmelt, hat er zwar Lacher des Publikums auf der Seite, aber dem Abend fehlt weiter jede Kontur.

Der Clou, den sich Rüping für den Schluss zwei Versionen ausgedacht hat, erschließt sich nur denen, die ihren Brecht kennen oder das Programmheft studieren. Abwechselnd lässt er den Abend entweder originalgetreu wie beim jungen Brecht enden oder stellt das Ende einfach auf den Kopf. Im ersten Fall verlassen Kragler (Christian Löber) und seine Anna (Wiebke Mollenhauer als Gast vom Deutschen Theater Berlin, wo sie regelmäßig mit Regisseur Rüping arbeitet) Hand in Hand die Bühne, nachdem sie dem Publikum ein „Glotzt nicht so romantisch!“ zugerufen haben. Dieser Satz prangt wie damals auch jetzt auf Plakaten an allen Ausgängen. In typischer Rüping-Manier wird das Happy End jedoch mit einem Mix aus Smetanas „Moldau“ und einem „House of the rising sun“-Solo von Damian Rebgetz ironisiert. Die Bühnenarbeiter schreddern parallel schon mal eifrig die letzten verbliebenen Papp-Kulissen des Re-Enactments.

An jedem zweiten Abend erlebt das Publikum Rüpings alternativen Schluss. So wie man es von Brechts späteren Lehrstücken gewohnt ist, entscheidet sich Kragler bei diesen Vorstellungen gegen seine Braut und für die Revolution. Mit Anfang 20 ließ der junge B.B. sein Frühwerk allerdings noch ganz romantisch enden und seinen Protagonisten für den Rückzug ins Privatleben und die bürgerliche Ehe votieren. Die glasklare Entschiedenheit, mit der Brecht-Figuren aus seinen berühmteren, später erschienenen Stücken für die Arbeiterklasse und die Revolution und gegen Ausbeutung und bourgeoise Kompromisse kämpfen, fehlt dem Kragler aus „Trommeln in der Nacht“ völlig. Dass Rüping uns diese kaum bekannten Facetten aus Brechts Biographie und Werk näher bringt, ist der interessanteste Ertrag seiner ansonsten recht lauen und zu verqualmten Reise ins Theatermuseum.

Bilder: Julian Baumann

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