Liberté

Eine Kinolegende im Dämmerlicht: Trotz des sehr minimalistischen Plots funktionierte diese Rezeptur in Albert Serras Film „The Death of Louis XIV.“ einigermaßen. Das Dahinsiechen des Sonnenkönigs, verkörpert von der Nouvelle Vague-Ikone Jean-Pierre Léaud, und die ratlosen, um ihn herumwimmelnden Hofschranzen verströmten zwar die gewünschte düstere Atmosphäre, die ihren Reiz hatte. Auf die Dauer stellte sich aber schon bei diesem Kunstkino-Experiment, das 2016 in Cannes Premiere hatte und anschließend das „Around the World in 14 films“-Festival in der Kulturbrauerei eröffnete, gepflegte Langeweile ein.

Bereits dem Film war anzumerken, dass das Konzept einer Legende im Dämmerlicht eigentlich einer anderen Kunstform entstammte und nur mit Mühe für die Leinwand adaptiert werden konnte. Ursprünglich sollte der sterbende Sonnenkönig als performative Installation 15 Tage lang im Centre Pompidou zu erleben sein.

Anderthalb Jahre später griff Albert Serra die Grundidee der Kinolegenden im Dämmerlicht erneut auf: Chris Dercon, erfahrener Museumsmann und seit dieser Spielzeit Intendant der Volksbühne, lud ihn ein, das Stück „Liberté“ auf der großen Bühne am Rosa Luxemburg-Platz zu konzipieren. Als Gäste wurden Helmut Berger, Hauptdarsteller und Muse in Luchino Viscontis Meisterwerken der 60er und 70er Jahre, und Ingrid Caven, die als Fassbinder-Schauspielerin und Chanson-Sängerin berühmt wurde, verpflichtet. Sie spielen den Libertin Duc de Walchen bzw. die vom französischen Hof verbannte Duchesse de Valselay und werden auf Sänften durch eine von Sebastian Vogler glänzend gestaltete düstere und doch bukolische Landschaft geschaukelt.

Dass Serras Konzept, mit Kinolegenden im Dämmerlicht bei minimalistischer Handlung eine starke Atmosphäre zu erzeugen, bei der Adaption fürs Theater nicht aufgeht, lag maßgeblich an einigen bewussten Entscheidungen: Neben den beiden Kinostars treten mit Anne Tismer (Ensemble-Mitglied der Volksbühne) und Jeanette Spassova, die während der Castorf-Ära festes Ensemble-Mitglied des Hauses war, zwei gestandene Theater-Schauspielerinnen und Laien aus verschiedenen europäischen Ländern. Dieser bunte Mix aus Stilen und Sprachen könnte interessant sein, gibt hier aber nur ein Sammelsurium. Die von Serra laut Programmzettel angestrebte Polyphonie der Muttersprachen, die ständig übertitelt werden müssen, wird fürs Publikum noch mehr zur Herausforderung, da Serra seine Spielerinnen und Spieler oft nur flüstern lässt. Was im Film wunderbar aufgehen kann, wird im Theater unfreiwillig komisch, wenn Senioren die Dialoge auf der Bühne durch laute Proteste und Nachfragen bei den Sitznachbarn übertönen.

Zum Scheitern dieses Experiments trug auch bei, dass das Thema von „Liberté“ zwar hochinteressant ist, aber die Dialoge zu banal geraten sind: Serra wollte sich dem Einsickern von freigeistigen Ideen aus dem vorrevolutionären Frankreich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts widmen. Der knapp 2,5stündige Theaterabend wirkt jedoch leb- und freudlos, wie die Rezensionen nach der Premiere zurecht herausarbeiteten.

Als Fazit dieses Experiments bleibt: Das Theater für andere Künste und vor allem Grenzgänger aus dem cineastischen Bereich zu öffnen, kann zu so bereichernden Erlebnissen wie „Fever Room“ von Apichatpong Weerasethakul führen, der die Volksbühne mit seiner Licht-Raum-Installation glänzend bespielte. Solche Experimente können aber auch so schiefgehen wie dieser Abend von Albert Serra.

Bild: Román Yñan

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