Castorfs „Faust“ Reloaded

Was für eine Achterbahnfahrt mit Höhen und Tiefen. Frank Castofs „Faust“, der Schlusspunkt seiner 25jährgen Epoche als Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, bietet glänzende Kabinettstücken von AusnahmeschauspielerInnen, aber auch Momente zum Fremdschämen.

Ein Jahr nach der Premiere ist die Welt eine andere: Castorf verfügte, dass die Inszenierungen seiner Ära nicht mehr an seiner ehemaligen Bühne gespielt werden, solange dort sein Nachfolger Chris Dercon der Hausherr ist. Dieser musste zwar bereits nach 7 Monaten das Handtuch werfen. Der – wie fast einhellig erwartet – zum Theatertreffen 2018 eingeladene „Faust“ musste auf Castorfs Wunsch dennoch ins Haus der Berliner Festspiele in Wilmersdorf ausweichen. Für heftige Diskussionen sorgten die Summen, die für die Wiederaufnahme und die Anpassung nötig wurden.

Ein schwieriger Moment ist, als Alexander Scheer mit seiner Dercon-Parodie inklusive Bierdusche noch mal nachtritt. Diese Szene war zwar auch schon in der ursprünglichen Fassung enthalten, wirkt aber nach den sich überschlagenden Ereignissen der vergangenen Monate deplatziert.

Negativ fallen auch die Zoten um Dildos und Seifen-Bücken auf, die zwar dankbar belacht wurden, aber sich auf Stammtischniveau durch die sieben Stunden zogen.

Das Publikum wird aber auch mit Glanzleistungen von Stars verwöhnt, die man gerne wieder häufiger in Berlin sehen würde. Sophie Rois hat ein paar viel zu kurze Szenen als Hexe. Daniel Zillmann tobt als Theaterdirektor cholerisch über die Drehbühne. Lilith Stangenberg gibt dem Abend als Meerkatze eine ätherisch-schwebende Note. Vor allem ragen aber Valery Tscheplanowa als Gretchen und Martin Wuttke als ihr Faust aus dem Ensemble heraus.

Diese starken Leistungen lassen auch darüber hinwegsehen, dass der Abend in den den ersten beiden Stunden nach der Pause durchhängt, sich vor allem um Kolonialismus und den „Nana“-Fremdtext von Emile Zola kümmert und der „Faust“ in den Hintergrund tritt. Ab Mitternacht kam die „Faust“-Show für die finale Geisterstunde wieder auf Betriebstemperatur.

Bilder: Piero Chiussi

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