Fall der Götter in Essen

Dieser Stoff bietet alles, was großes Kino oder große Oper ausmacht: „La caduta degli dei“ von Luchino Visconti, der Auftakt seiner deutschen Trilogie von 1969, ist eine opulente Familiensaga. Die Villa der Familie von Essenbeck ist eine Schlangengrube, in der intrigriert und gemordet wird. Dem Patriarchen Joachim von Essenbeck entgleiten die Fäden, während parallel die Nazis ihre Gewaltherrschaft beginnen. In wechselnden Bündnissen versuchen die Familienmitglieder nach der Macht im Stahl-Konzern zu greifen und scheuen auch vor schmutzigen Deals mit SA und SS nicht zurück. Missbrauch, Erpressung und Inzest pflastern den Weg der Familie von Essenbeck. Am Ende steht Martin allein auf der Bühne: er hat formal das Sagen im Konzern, ist aber ganz in der Hand der Nazis. Die gesamte Bühne und auch die Leichen seiner Mutter und ihres Geliebten sind mit Hakenkreuz-Flaggen ausstaffiert.

Regisseur Jan Neumann reflektiert im Programmheft über das Problem, wie man aus diesem Film-Klassiker einen Theaterabend gestalten kann: „Film hat einen ganz anderen Erzählfluss, arbeitet mit Schnitten und Nahaufnahmen, im Theater gibt es nur die Totale. Die größte Schwierigkeit liegt darin, die Dinge, die im Film über besagte Naufnahmen erzählt werden, auf die Bühne zu übersetzen, d.h. eine theatrale Form zu finden, die wie eine Lupe das Geschehen vergrößert.“

Er entschied sich, sein Ensemble auf einer Drehbühne vor gewaltigen Stelen, die ans Holocaust-Mahnmal erinnern, zu postieren. Dadurch bekommt die gesamte Inszenierung etwas Wimmelbildartiges. Es ist nicht ganz leicht, zwischen all den Intrigen der Herrschaften in ihren edlen Roben den Überblick zu behalten.

Leider verschenkt die Inszenierung am Grillo-Theater in Essen eine große Chance: Schon der Name „von Essenbeck“ ist ein Wink von Visconti mit dem Zaunpfahl, dass er auf die Krupp-Dynastie anspielt, die in ihrem weitläufigen Park um die Villa Hügel mit ihrem Reichtum prunkt. Es bietet sich gerade an schönen Sommertagen wie gestern an, zur Einstimmung vor der Aufführung, die Ausstellung und das historische Gelände im Essener Süden zu besuchen. Jan Neumann berichtet im Programmheft, dass sich auch sein Team und er intensiv mit der Geschichte der Krupp-Dynastie befasst , das Museum in der Villa besucht und Informationen gesammelt haben. Es wäre sehr spannend gewesen, den Visconti-Stoff aus der lokalhistorischen Essener Sicht neu zu beleuchten. Im Lauf der Recherchen und Proben verwarf Neumann diese Idee, so dass doch nur ein Stadttheater-Abend herauskommt, wie er in vielen anderen Städten auch möglich wäre.

Wer an „Fall der Götter“ (im deutschen Kino-Verleih: „Die Verdammten“) denkt, hat außer der Familie Krupp sofort Helmut Berger vor Augen. Er wurde in der Rolle des Martin von Essenbeck zum Star des Kinos der 70er Jahre und für einen Golden Globe nominiert. Die schillernde Rolle des anfangs so naiven Jungen, der von seiner Mutter Sophie wie eine Marionette gesteuert wird und im Lauf des Spiels selbst auf den Geschmack kommt, an den Strippen ziehen, verkörpert in Essen eindrucksvoll Alexej Ekimov. Seine Schwester ist in Theaterkreisen schon länger bekannt: Anastasia Gubareva spielt am Berliner Gorki Theater u.a. in „Schwimmen lernen“ und in „Kleiner Mann – was nun?“

Bilder: Martin Kaufhold

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