„Woyzeck“ aus Basel

„Er sieht immer so verhetzt aus“, wirft der Hauptmann dem Franz Woyzeck vor. Für Nicola Mastroberardino ist das fast noch eine vornehme Untertreibung: mit aufgerissenem Mund, vor Schreck geweiteten Augen und angekettet stampft dieser Woyzeck über die rotierende Scheibe, die ständig in Bewegung ist und den Spielern keine Ruhe gönnt. Wer sich nicht bewegt, droht abzustürzen und von der Scheibe herunterzufallen.

Böse Zungen könnten dem Regisseur Ulrich Rasche vorwerfen, dass er sein Konzept gigantischer Maschinen und Walzen, die sich unerbittlich im Kreis drehen und die Spieler als ohnmächtige Kreaturen erscheinen lassen, wie am Fließband ständig mit leichten Variationen recyclet. Für Georg Büchners „Woyzeck“ gelingt ihm jedoch eine sehr überzeugende Setzung. Wir erleben einen Hauptdarsteller, der von Marie als „hirnwütig“ beschimpft wird und sich als Getriebener in einen psychotischen Wahn hineinsteigert. Nicht nur die Autoritäten der Gesellschaft (der Tambourmajor, der Hauptmann) versuchen ihn, in ihr Korsett enger Moralvorstellungen und begrenzter Handlungsspielräume zu pressen, und werfen ihm vor, dass er keine „Tugend“ habe. Auch die Zug- und Fliehkräfte der kreisenden Drehscheibe, die anfangs leicht geneigt ist und am Ende fast senkrecht steht, machen ihm das Leben zur Tortur.

„Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ Das Bemerkenswerte an Ulrich Rasches Inszenierung ist, dass sie diesen zentralen Satz aus dem „Woyzeck“-Fragment plastisch spürbar werden lässt. Anders als bei den Münchner „Räubern“ und seinem Dresdner „Das Große Heft“ gibt es diesmal keinen martialisch auftretenden Chor. Im Zentrum stehen klar erkennbare Individuen. Aber nicht nur der Woyzeck, sondern auch alle anderen, nur scheinbar so selbstsicheren Figuren sind an die rotierende, schwankende Drehscheibe gekettet. Ständig in Bewegung, den Abgrund und die Leere vor Augen, mühen sie sich ab, treten aber doch auf der Stelle und sind den Kräften der Physik ausgeliefert.

In ihrem pessimistischen Menschen- und Gesellschaftsbild treffen sich Rasche und Büchner: „Er ist stark geprägt von dem Glauben der Unabwendbarkeit eines vorausbestimmten Schicksals. Das entspricht meinem Blick auf die heutige Zeit“, referiert der Regisseur im Programmheft. Seine Ohnmacht angesichts des Erstarkens rechtspopulistische Kräfte in Europa und USA finde er in den Sätzen des erst 23 Jahre jungen Büchner wieder.

Der Anblick der gleichförmig marschierenden, schwitzenden Kreaturen und der Klangteppich der Live-Musiker, der diesmal aber bei weitem nicht die Dresdner Dezibel-Stärken erreicht, spaltet das Publikum: stehende Ovationen für kluges, beeindruckendes, wenngleich nicht mehr ganz so intensiv-überwältigendes Theater wie bei seiner „Räuber“-Einladung zum Theatertreffen auf der einen Seite. Genervte Blicke zum Handy, mit den Füßen scharrende, die Monotonie dieses fatalistischen Kreislaufs nicht aushalten könnende, zur Pause flüchtende Zuschauer auf der anderen Seite.

Bilder: Sandra Then

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