Radar Ost

Die Autorentheatertage sind bereits eine bewährte Institution und ein fester Termin im Berliner Theater-Kalender. Nun hat das Deutsche Theater Berlin erstmals ein „Radar Ost“-Festival vorgeschaltet, das den Blick nach Osteuropa richtet und spannende junge Theatermacher vorstellen will.

Den Auftakt bestreitet das georgische Duo Data Tavadze (Regie) und Davit Gabunia (Autor und Dramaturg) mit „Prometheus. 25 Jahre Unabhängigkeit“ vom Royal District Theatre Tiflis. In den knapp zwei Stunden zeichnen sie mit gemeinsam mit ihren acht Spielerinnen und Spielern ein sehr düsteres Bild von der postsowjetischen Kaukausrepublik und der Welt. Eine angedeutete Vergewaltigung, kompromittierende Videos, mit denen Gegner erpresst werden, rüde Verhörmetoden bis hin zur Folter, dazwischen mischen sich Erinnerungen an den rechtsextremistischen Terrorakt von Anders Breivik gegen das Jugendcamp auf der Insel Utoya: in ihrer assoziativen Szenenfolge reiht sich ein Negativbild an das nächste. Ähnlich düster und sperrig beschrieb Nachtkritik die erste deutsch-georgische Ko-Produktion „Tiger und Löwe“, mit der Tavadze/Gabunia vor wenigen Wochen in Karlsruhe vom stalinistischen Terror erzählten.

Aus der bedrückenden Monotonie ragen nur wenige Bilder heraus, die sich einprägen: Ein Mann, der zahlreiche Stühle gleichzeitig mit sich herumtragen und balancieren muss. Sein Körper wirkt darunter wie in eine Rüstung eingezwängt. Das Ensemble, das einen halbnackten Spieler mit Filzstift markiert: einer nach dem anderen tritt vor, zerrt an ihm und bemalt ihn. Die Aktion, mit der der Abend beginnt, fokussiert sich vor allem auf die Leber des Opfers.

In der Schluss-Sequenz wird der Bogen zurück zu dieser Eröffnung geschlagen: an eine lange Holzstange gefesselt, die an die Passion Christi erinnert, klagt Prometheus über die Strafe, die ihm im griechischen Mythos auferlegt ist. Als Strafe für seine Hybris, den Menschen das Feuer gebracht und sich zum Gegenspieler von Zeus aufgespielt zu haben, wird er von Zeus an einen Kaukasus-Felsen gekettet und muss es wehrlos über sich ergehen lassen, dass ein Adler über ihm kreist und seine Leber frisst, die ihm jedes Mal nachwächst, so dass sich seine Qual ebenso als ewiger Kreislauf wiederholt wie das Leid der Figuren im Stück „Prometheus. 25 Jahre Unabhängigkeit“.

Auch die Kulturradio-Rezensentin fand die depressive Grundstimmung dieses spröden Abends bedrückend und fragte sich, ob der Abend das Lebensgefühl der jungen Generation in Georgien spiegelt.

Mit antiken Mythen befasst sich auch „Women of Troy“ nach Euripides, das zweite Tavadze/Gabunia-Gastspiel des Royal District Theatre, das ich aus Zeitgründen nicht sehen und besprechen konnte.

Vielversprechend begann das litauische Gastspiel „Trans Trans Trance“ von Kamilė Gudmonaitė: Die drei Performerinnen (Dovilė Kundrotaitė, Jovita Jankelaitytė, Adelė Šuminskaitė) stürmen im „Pussy Riot“-Stil mit Masken in die Box des Deutschen Theaters. Das könnte eine anarchische, kraftvolle Auseinandersetzung mit der bestehenden Ordnung und den Geschlechterverhältnissen werden, wie sie sich die Litauerinnen vorgenommen haben.

Recht schnell erschöpft sich der Abend in einem müden Geplänkel, das sich an bekannten Klischees und Rollenmustern abarbeitet. Mal geht es um das „90-60-90“-Schönheits-Diktat der Modeindustrie, mal werden all die berühmten Markennamen in einem ermüdenden Name-Dropping aufgezählt, mal werden Glamour-Tussis, deren ganzer Lebensinhalt darin besteht, sich in schicke Klamotten zu werfen und gemeinsam zu trinken, in einer Nummer karikiert, die in slapstick-haftes Herumsauen mit der Zuckerdose mündet. Den aktuellen Debatten wird wenig Neues hinzugefügt, die einzelnen Nummern wirken zu beliebig aneinandergereiht. Nach einem kollektiven Striptease des Trios im Halbdunkel springen sie zu einem Klage-Solo, wie groß die Hürden für eine Abtreibung in ihrem katholisch geprägten Land nach wie vor sind.

Gegen Ende besteht kurz die Hoffnung, dass der Abend doch noch eine konzentriertere Form finden könnte. In mehreren kurzen Passagen kristallisiert sich das zwar schon im Titel präsente, aber bis dahin vernachlässigte Thema der Transsexualität heraus. Eine Spielerin schildert ihre schmerzhaften Diskriminierungserfahrungen und wird von einer anderen Spielerin zur Seite geschoben. Sie versucht das Berliner Publikum aus der Reserve zu locken und mit den bekannten populistischen Phrasen zu provozieren, dass Transsexualität eine widernatürliche Abweichung und einfach ekelhaft sei. Ein Dialog kommt aber nicht zustande. Die letzten Sympathien verspielen sich die Litauerinnen mit ihrer unsäglichen Aktion, das Publikum zu animieren, gemeinsam mit ihnen die nach einer Tropenwoche in Berlin ohnehin sauerstoffarme, stickige Box zuzuqualmen.

Der Festival-Samstag endete mit einer gut besuchten Party an der Bar und als Kontrast dazu mit einem weiteren sehr düsteren Blick auf Osteuropa im Saal. „Sankt Georgstag“, ein frühes Werk des unter Hausarrest stehenden Kirill Serebrennikow, ist ein bedrückendes Roadmovie durch die russische Gesellschaft. Der Film aus dem Jahr 2008 besitzt noch nicht die Meisterschaft der aktuelleren Werke dieses herausragenden Kino-, Theater- und Opernkünstlers, ist aber als Blick in die Abgründe durchaus interessant. Eine Opern-Diva möchte Abschied von Russland nehmen und in der Kultur- und Geschichtstradition ihrer Heimat schwelgen, bevor sie in den Westen geht. Ihr pubertierender Sohn begleitet sie missmutig und verschwindet recht bald. Die Suche wird zu einem düsteren, mit mehr als zwei Stunden etwas zu breit ausgewalztem Trip, auf dem die Diva mit Tuberkulose-Kranken, Kriminellen und zwielichtigen Gestalten konfrontiert wird.

Der mit deutschen Fördergeldern produzierte „Sankt Georgstag“ wurde am DT ohne Untertitel mit live eingesprochenem Kommentar gezeigt und war dort bereits schon Ende März während der Gastspiel-Woche von Serebrennikows Gogol-Center zu sehen, mit dem das DT eine sehr spannende Kooperation startete, die in den kommenden Spielzeiten hoffentlich fortgesetzt werden kann. Am besten mit Kirill Serebrennikow in Freiheit, so dass er die geplante „Dekameron“-Inszenierung nachholen kann.


Bilder: Bobo Mkhitar

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