Draufgängerinnen

Am Weihnachtswochenende 2014 sorgte ein Fall aus Bosnien-Herzegowina für dicke Schlagzeilen in der Boulevardpresse: nach einer Klassenfahrt waren sieben Mädchen im Alter von 13, 14 Jahren schwanger.

Nicht als sozialrealistisches Dokudrama und auch nicht als Attacke auf die Tränendrüse, sondern als kurzweilige, leichtfüßige 90 Minuten-Choreographie inszeniert Salome Dastamalchi das Stück „Draufgängerinnen – All adventourous women do“ von Tanja Šljivar auf der kleinsten Bühne des Deutschen Theaters Berlin in der Box.

Diese beiden Namen sollte man sich merken: Erstens Tanja Šljivar, kurz vor dem Bürgerkrieg in Jugoslawien geboren, schrieb ihren Text, der die anonymen Mädchen ihre Sicht der Dinge erzählen lässt, als Writer-in-Residence im Kosovo. Sie lässt die Protagonistinnen diverse Wechselbäder erleben: anfängliche Euphorie, dass sie alle gemeinsam schwanger wurden und ein großes Abenteuer auf dem Weg zum Erwachsenwerden erleben dürfen. Ernüchterung darüber, dass die Eltern, Lehrer und Ärzte sie moralisch verurteilen und im Regen stehen lassen. Trotzhaltung und Aufbruchstimmung, es vielleicht doch gemeinsam zu schaffen. Zweifel und Ausweichen. Rätselraten, wer die Väter sein könnten. Schließlich der Entschluss, gemeinsam abzutreiben. Šljivar schildert diese pubertären Nöte in kurzen, flotten Szenen. Ihr Talent zeigte sie auch in ihrem nächsten Text „Vor solchen wie uns haben uns die Eltern immer gewarnt“, der 2017 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens als szenische Lesung präsentiert und vor wenigen Tagen am Schauspiel Stuttgart mit guten Kritiken uraufgeführt wurde.

Der zweite Name, den man sich merken sollte, ist Regisseurin Salome Dastmalchi, die mehrfach am Ballhaus Naunynstraße inszenierte, und gemeinsam mit Niloufar Shahisavandi und ihrem Ensemble mitreißende Choreographien erarbeitete. Die sieben Mädchen werden von einem gemischten Ensemble des Jungen DT gespielt: drei Jungen (Eren Gündar, Bruno Liebler, Peter Steden) und vier Mädchen (Livia Marlene Wolf, Marthe Müller Lütken, Chenoa Nort-Harder, Emmi Büter) treten im Einheitslook aus „Orange is the new black“-Overalls und weißen T-Shirts an. Zum Nirvana-Klassiker „Smells Like Teen Spirit“ feiern sie ekstatisch ihre Schwangerschaft. Zu französischen Chansons und Popsongs werfen sie sich in Catwalk-Posen und flirten selbstbewusst mit dem Publikum. Strenges chorisches Sprechen, kleine Solo-Nummern und wildes, nervöses Durcheinanderreden wechseln sich an diesem Abend ab. Ein Gimmick für die Digital Natives sind die Brainstorming-Szenen, in denen mit Twitter-Hashtags verschiedene Lösungswege an die weißen Wände gekritzelt werden.

Nach 90 temporeichen Minuten lief den Spielerinnen und Spielern der Schweiß in Strömen herab, der vielversprechende DT-Nachwuchs erntete langanhaltenden Applaus für seine Energieleistung. „Draufgängerinnen“ zählt zu den spannenderen und gelungeren Produktionen des Jungen DT.

Bilder: Arno Declair

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