jedermann (stirbt)

Im traditionsverliebten Österreich sind die „Jedermann“-Aufführungen vor dem Dom ein festes Ritual der Salzburger Festspiele und ein kulturelles Hochamt: den bekanntesten Mimen ist es vorbehalten, die Titelrolle in Hugo von Hofmannsthals Tragödie verkörpern zu dürfen, die seit 1920 mit einer kurzen Unterbrechung, als das Festival während der Kriegsjahre ausfiel, jährlich auf dem Spielplan steht.

Einen ähnlich hohen Stellenwert im österreichischen Kulturleben hat das Wiener Burgtheater, das im vergangenen Jahr eine Aktualisierung und Überschreibung bei einem Autoren-Talent aus Graz, dem frischgekürten Bachmann-Preisträger, in Auftrag gegeben hat: Der junge Mann, der unter dem Pseudonym Ferdinand Schmalz schreibt, machte mit Stücken wie „Dosenfleisch“ oder „Herzerlfresser“ auf sich aufmerksam. Sein Markenzeichen ist seine Sprachverliebtheit voller barocker Metaphern, schräger, surrealer Bilder und morbider Komik.

Bei „jedermann (stirbt)“ traten diese für ihn typischen Stilmittel deutlich in den Hintergrund. Das Auftragswerk oszilliert zwischen zwei sehr verschiedenen Stilen: Die betont artifiziell komponierten Verse imitieren Hofmannsthals Mysterienspiel und ironisieren die weihevolle Atmosphäre des Originals. Uraufführungsregisseur Stefan Bachmann verstärkt diesen Effekt dadurch, dass er einige Textstellen als Oratorium singen lässt. Den Gegenpol bilden die Passagen, die in zeitgenössischer Alltagssprache verfasst sind und die Welt der Hauptfigur mit modernen Begriffen beschreiben. Der „Jedermann 2.0“ ist Börsenspekulant, es wimmelt im Text dementsprechend nur so von Krediten und Zinsen. Markus Hering spielt ihn aalglatt, jovial, aber ebenso todgeweiht wie in Hofmannsthals Vorlage.

Der starke Text ist erst die halbe Miete für das Gelingen des Theaterabends. Dass die Uraufführung sehenswert ist, ist auch dem eindrucksvollen Bühnenbild und der überzeugenden Ensemble-Leistung zu verdanken. Olaf Altmann baute eine bei Bedarf kreisende Röhre, in der „jedermann“ zunächst wie in einer Schaltzentrale thront und auf die weniger Erfolgreichen herabschaut, später aber dann wie im Hamsterrad krabbelt und schließlich im schwarzen Nichts des Todes verschwindet.

Aus dem Ensemble, das von Esther Geremus in lustige, beigefarbene Ganzkörperanzüge gesteckt wurde, ragen neben Markus Hering in der Titelrolle vor allem Oliver Stokowski als „armer nachbar gott“, der den kleinen Teufeln nichts entgegenzusetzen hat, Mavie Hörbiger in einer Doppelrolle als „mammon“ und „gute Werke“, die gegen „jedermann“ als Zeuginnen aussagen, sowie Barbara Petritsch als „buhlschaft tod“ heraus.

„jedermann (stirbt)“ bekam schon nach der Uraufführung Ende Februar in Wien wohlwollende Kritiken. Der Deutschlandfunk regte sogar an, in Salzburg künftig nur noch diese Text-Fassung spielen zu lassen. Dass dies nicht passieren wird, ist so sicher wie das Amen im Dom. Stattdessen wurde „jedermann (stirbt)“ zur Eröffnung der Autorentheatertage 2018 nach Berlin ans Deutsche Theater eingeladen. Das amüsant-nachdenkliche Gastspiel erhielt dort zurecht viel Applaus.

Bilder: Georg Soulek/Burgtheater

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