Die Hauptstadt

Ein Schwein läuft durch Brüssel, die EU-Kommission ist in heller Aufregung, wie sie die Jubiläumsfeierlichkeiten begehen soll. Die einen beschäftigen sich mit den üblichen Ränkespielen, um einen Schritt weiter auf der Karriereleiter kommen. Die anderen fahren nach Auschwitz, da sie glauben, dass sich Europa zum Jubiläum in Zeiten des wachsenden Rechtspopulismus und Antisemitismus an diesem Ort des Grauens erinnern sollte.

Der österreichische Romanautor und politische Essayist packte diese Erzählstränge und noch einige mehr in seinen satirischen Roman „Die Hauptstadt“, der 2017 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Wenige Monate später kam der Text am Theater Neumarkt in Zürich zur Uraufführung und war nun in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin bei den Autorentheatertagen zu Gast.

Das Problem von Tom Kühnels Inszenierung ist, dass er sich zu brav an eine Roman-Nacherzählung hält. Das Gewimmel der Figuren, die über einen Catwalk zwischen den links und rechts aufgestellten Stuhlreihen schreitet, ist recht ermüdend. Mehr als drei Stunden lang mit kurzer Pause reiht sich Szene an Szene. Statt eines satirisch unterhaltenden Kaleidoskops entsteht nur ein Wimmelbild austauschbarer kleiner Episoden.

Tom Kühnels regelmäßiger Regiepartner Jürgen Kuttner wurde hier schmerzlich vermisst: aus dem Material hätte ein guter Abend werden können, wenn das Team den Mut gehabt hätte, ihn nicht einfach nachzuerzählen, sondern mit dem aus früheren, gemeinsamen Produktionen bekannten Witz neu einzuordnen, mit Querverbindungen zu konfrontieren und eine nachdenklich-bissige Revue zum Zustand Europas zu zaubern.

Das altbackene Qualmtheater lässt die SchauspielerInnen ermüdend über die Spielfläche schreiten, die das Highlight einer ansonsten schwachen Aufführung ist. Bühnenbildner Jo Schramm und die beiden Lichtdesigner Karl Gärtner/Ueli Kappeler projizieren wechselnde Bilder auf den Boden: mal die Europaflagge, mal eine Keyboard-Tastatur, auf der die SpielerInnen Beethovens „Ode an die Freude“ musizieren, mal wird der österreichisch-grantelnde Bruder einer Figur eingeblendet, der eine Fleischfabrik besitzt, mal verwandelt sie sich zum Tennis-Court. Dies ist eine erfreuliche Auflockerung einer ansonsten zu statischen Inszenierung.

Bilder: Barbara Braun

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