Die Letzten

András Dömötör hat seine Inszenierung von „Die Letzten“ ganz auf einen Star des Gorki-Ensembles zugeschnitten: Dimitrij Schaad steht in einer Doppelrolle als Nanny Fedossja (mit Dutt und Häkelkleid im Lehnstuhl) und als autoritätes Familienoberhaupt Iwan Kolomize (jähzornig und in Strumpfhose) im Mittelpunkt einer Splatter-Groteske.

Maxim Gorki, der russische Dramatiker und Sozialrevolutionär, zu dessen 125. Geburtstag das Berliner Gorki Theater sein weniger bekanntes Werk „Die Letzten“ auf den Spielplan hob, hat deutlich andere Akzente gesetzt: die Stückvorlage ist ein klassisches Sozialdrama, das realistisch vom Leiden einer Familie unter der Knute des Patriarchen erzählt, und übt zugleich deutliche Kritik an den Exzessen der Staatsgewalt: Gorkis Iwan ist ein Ex-Polizeichef, der wegen zu brutaler Methoden vom Dienst suspendiert wurde.

Der ungarische Regisseur Dömötör, der in Berlin sowohl am DT als auch am Gorki regelmäßig inszeniert, konzentriert sich vor allem auf den Terror in der Familienhölle und setzt wie gewohnt auf die Komik drastisch überzeichneter Figuren. Hinter einer Glaswand krabbeln und sitzen die Kinder in ihren Pyjamas und mit grell geschminkten Gesichtern wie Insekten oder Versuchskaninchen herum. Das schwächste Glied in der Kette ist jedoch der reiche Onkel Jakow, der von Iwan und seiner Familie nach Strich und Faden ausgenommen wird: er wird in Dömötörs Groteske nicht von einem Schauspieler verkörpert, sondern von einem überdimensionalen Teddybären, an dem alle zerren. Abwechselnd macht sich einer der Spieler über ihn her, schlitzt ihm den Bauch auf und schleudert den Schaumstoff durch die Gegend.

Der Abend kulminiert in einer Kunstblut-Splatter-Orgie, bei der Iwan seine gesamte Familie mit einer Bohrmaschinen-Attacke erblinden lässt und auslöscht. In den zwei Stunden bis dahin hängt der Abend jedoch deutlich durch: die Spielerinnen und Spieler, die sich die Kinderrollen teilen und abwechselnd die Mutter verkörpern (der regelmäßige Gast Knut Berger sowie die Gorki-Ensemble-Mitglieder Mareike Beykirch, Lea Draeger, Vidina Popov, Aram Tafreshian, Till Wonka, immerhin einige Aushängeschilder des Hauses), dürfen nur Abziehbilder spielen. Sie sind Staffage in der Dimitrij Schaad-Show, dem zwischen all den Figuren ohne Konturen jedoch die Sparringspartner fehlen.

Ein zweiter Kritikpunkt ist, dass Dömötör das Stück zwar als Groteske anlegt und sich gegen Gorkis Realismus entscheidet, aber bis zum Splatter-Finale in seiner Regie zu unentschieden und mit angezogener Handbremse wirkt. Wie ein Fremdkörper erscheint der kurze Auftritt von Ruth Reinecke, die endlich mal wieder am Gorki zu erleben ist, und hier die Mutter des Attentäters verkörpert, der nach einem Anschlag auf Iwan in Untersuchungshaft sitzt. Mit dieser für Maxim Gorkis Polit-Drama wichtigen Figur und Szene konnte Dömötör in seiner Inszenierung, die völlig andere Schwerpunkte setzt, zu wenig anfangen.

Bild: Esra Rotthoff

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