303

Der österreichische Regisseur Hans Weingartner bereicherte das Kino Anfang des Jahrtausends mit zwei hervorragenden Filmen: seinem Debüt-Psychodrama „Das weiße Rauschen“ und seinem Poitfilm „Die fetten Jahren sind vorbei“, beide preisgekrönt, letzterer war 2004 sogar nach Cannes eingeladen.

Seitdem war es recht still um ihn geworden, jetzt meldet er sich mit dem sehenswerten Liebes-Roadmovie „303“ zurück, das im Februar schon die „Generation 14 +“-Reihe der Berlinale eröffnete und eines der Highlights des Kino-Sommers ist.

Mit 145 Minuten sprengt der Film den üblichen Kinorahmen, dementsprechend schwer fiel Weingartner die Finanzierung seines Films, für den er bereits seit 1997 Ideen und Tagebuchaufzeichnungen sammelte. Vordergründig passiert in dem Film sehr wenig und wie es zwischen Jan (Anton Spieker) und Jule (Mala Emde) enden wird, ahnt der Zuschauer auch schon recht früh. Dennoch ist der Film keine Sekunde langweilig.

In der Traditionen des französischen Erzählkinos wird hier mehr als zwei Stunden lang sehr viel gesprochen: über die Evolution, den Kapitalismus, über die biochemischen Vorgänge beim Verlieben, über Polyamorie vs. Monogamie. Das könnte schnell ermüdend oder zu theorielastig werden. Dass dies nicht so ist, liegt zum einen daran, dass Weingartner und seine Drehbuch-Co-Autorin Silke Eggert ihren beiden Hauptdarstellerinnen Dialoge in den Mund legen, die überhaupt nicht abgehoben klingen, sondern jugendlich-frisch und lebensnah-geerdet.

Zum anderen liegt es an dem Spiel von zwei bemerkenswerten Schauspiel-Talenten, denen man einfach gerne dabei zuhört, wie sie über sich und die Welt nachdenken, und auch gerne dabei zusieht, wie sie sich beschnuppern, miteinander ringen, streiten, sich dagegen sträuben, sich für eine Beziehung zu öffnen, und schließlich doch zueinander finden.

Mala Emde überzeugt in ihrer ersten großen Kino-Hauptrolle, galt aber schon seit dem TV-Drama „Meine Tochter Anne Frank“ (2015) und Julian Roman Pölslers „Wir töten Stella“ (2016) als vielversprechendes Talent. Die größere Entdeckung des Films ist deshalb Anton Spieker, der nach seinem Schauspielstudium an der HfS Ernst Busch neben Theater-Engagements bisher vor allem kleinere TV-Rollen hatte, z.B. in „So auf Erden“ gemeinsam mit Jannis Niewöhner als drogensüchtiges, schwules Paar oder im „Tatort: Mord ex Machina“ als Loverboy einer Hackerin.

Die beiden Schauspieler tragen diesen sympathischen Film, der nur wenige Mängel hat: die Zufälle am Anfang werden etwas arg strapaziert, am Schluss gerät „303“ gefährlich nah an die Kitschgrenze. Überzeugend ist vor allem der Mittelteil einer langen, von Balladen und Indie-Songs unterlegten, mit vielen interessanten Dialogen gespickten Reise quer durch Europa, die viele Kritiker an „Before Sunrise“ (1995) von Richard Linklater erinnerte.

Bilder: Alamode Film

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