Macbeth

Macbeth, den Thane of Cawdor, und seine Lady Macbeth hat Christian Weise zur Spielzeiteröffnung am Deutschen Nationaltheater Weimar in harlekinartige Kostüme von Lane Schäfer gesteckt: Bauch und Po sind unvorteilhaft wie bei einem Fatsuit ausgestopft, vorne baumeln – teilweise überdimensionale – Genitalien und üppige Brüste. Aus Shakespeares Tragödie wird bei ihm eine Farce, die er mehrfach durch den Fleischwolf dreht und verfremdet. Macbeth und seine Frau sind grobschlächtige Zeitgenossen, die auf dem Klo im Zentrum der Bühne über dem nächsten Mordplan brüten.

Dies entsprach genau den Erwartungen: Mit seinem Faible für schrill überzeichnete Figuren ist er dann stark, wenn er der Groteske freien Lauf lassen kann. In seiner aus meiner Sicht bisher besten Arbeit „Elizaveta Bam“, die auf de Studiobühne des Berliner Gorki-Theaters zu sehen ist, trieb er seine Stilmittel konsequent auf die Spitze: die Akteure verhedderten sich auf der schrägen Spielfläche von Julia Oschatz, die auch in Weimar für das Bühnenbild zuständig war, in einem Körperballett voller absurder Komik.

Obwohl Weise in Weimar mit Susanne Wolff und Corinna Harfouch zwei Edel-Schauspielerinnen zur Verfügung hatte, die sich schwesterlich die Hauptrollen der „Mac-Bus“ teilen, wie sie im Programmheft genannt wurden, gab es diesmal nur wenige Kabinettstücken zu bestaunen. Mehrfach lieferten sich die beiden Stars des Abends eine pantomimische Prügelei.

Ansonsten hatte der Abend damit zu kämpfen, dass das Regie-Konzept überfrachtet war: Weise bediente sich bei Heiner Müllers düster-galliger Shakespeare-Bearbeitung, nahm Anleihen aus Alfred Jarrys grotesker „König Ubu“-Überschreibung und brach die Handlung vor allem in der zweiten Hälfte mehrfach mit Anspielungen auf Trump, die NS-Zeit und das KZ Buchenwald. Corinna Harfouch schnarrte im typischen Nazi-Ton über die Klassikerstadt Weimar und imitierte in einem unnötig verqualmten Solo einen Trump-Anhänger, der seine Sehnsucht nach einem starken Mann endlich befriedigt sah. Für ironische Brüche sorgte außerdem Oscar Olivo, der seit Jahren eng mit Weise zusammenarbeitet und in fast jeder seiner Inszenierungen dabei ist: Er trat diesmal noch häufiger als gewohnt aus seiner Rolle und fabulierte auf Englisch über Psychotherapie-Erfahrungen und Schamanismus-Seminare. Nach stringentem Beginn, der sich noch eng an den Originalstoff hielt, wurden in der zweiten Stunde zu viele Regie-Einfälle ausgepackt und oft zu sehr mit dem Holzhammer in den Shakespeare/Müller-Text hineingeprügelt.

Nach knapp 120 Minuten senkte sich der eiserne Vorhang wieder, hinter dem die Spielerinnen und Spieler anfangs nur zögerlich hervorgetrippelt kamen. Corinna Harfouch sprach hämisch grinsend ihren Schluss-Monolog der Titelfigur Macbeth, dass auch sein Tod die Welt nicht besser machen werde.

1982 spielte sie in einer Inszenierung von Heiner Müller an der Volksbühne. Die „Junge Welt“ lobte damals ihre Leistung als „auffällig präsent, (…), Bösartigkeit knapp und kalt setzend“. Davon hätten wir uns auch drei Jahrzehnte später am Nationaltheater Weimar mehr gewünscht. Diesmal tauschte sie etwa zur Hälfte mit Susanne Wolff die Rollen. Sie begann wieder als Lady Macbeth, warf mittendrin die umgeschnallten Brüste weg und verkörperte fortan bis zum blutigen Finale den männlichen Part dieses bei Müller und Weise blutrünstigen Schlächterduos.

Michael Laages hob im Deutschlandfunk-Gespräch zurecht die in Moll gehaltene Musik-Untermalung von Jens Dohle (auch er ein langjähriger Weggefährte des Regisseurs) hervor, der Texte von Heiner Müller vertonte, und lobte das expressionistische Bühnenbild von Julia Oschatz, das Weimarer Wohnungen aus mehreren Epochen nachempfunden ist. Der Anspielungsreichtum der liebevoll gestalteten Details war jedoch oft schwer zu entschlüsseln und war in dieser Inszenierung ein verschenktes Pfund, mit dem der Regisseur zu wenig anzufangen wusste.

Bilder: Candy Welz

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