Hört, hört! Die Bauhausprotokolle

Dr. Emil Herfurth schäumte vor Wut. Der Gymnasiallehrer aus Weimar stemmte sich vehement gegen den Aufbruch in die Moderne. Vom Rednerpult des Thüringischen Landtags wetterte der DNVP-Abgeordnete, der sich später auch in der NSDAP engagierte und nach 1945 aus dem Schuldienst entlassen wurde, gegen Impressionismus, Expressionismus und alle weiteren Stilrichtungen, die in seinen Augen nichts weiter als Verirrungen und untragbare Abweichungen vom Edlen, Schönen, Wahren und Guten waren, das er als Stadtrat und Abgeordneter der Klassikerstadt Weimar pflegen wollte.

Sein Lieblingsfeind war Walter Gropius, der es wagte, sich 1919 mit dem Bauhaus in Weimar anzusiedeln, eine neue Architektur- und Formensprache zu entwickeln und tradierte Muster einfach aufzusprengen. Wir Zuhörer müssen uns ernsthaft Sorgen um Blutdruck und Wohlbefinden von Dr. Herfurth machen: ein ums andere Mal steigt er zum Rednerpult und prangert – sattelfest in Fakten und Zahlenkolonnen – die Verschwendung von Steuergeldern am Bauhaus Weimar an. Seine größte Schmach: er konnte 1922 nicht verhindern, dass die Mehrheit des Landtags eine große Bauhaus-Ausstellung rund um das Musterhaus Am Horn unterstützte.

Dr. Herfurth muss deshalb dringend in Behandlung. Er begibt sich in die fürsorglichen Hände von Dr. Sigmund Freud. Gemeinsam fabulieren sie über die vermeintlichen seelischen Störungen der Künstler, die ihnen mit ihren Werken so große Schmerzen bereiten. Drei Jahre später feierte er doch noch einen Sieg. Eine neue Mehrheit im Landtag halbierte den Zuschuss ans Bauhaus, Gropius und Co. zogen entnervt weiter nach Dessau.

Suse Wächter, die mit ihren Puppenspiel-Historien-Streifzügen seit mehr als zwei Jahrzehnten auch an den wichtigsten Bühnen des Landes arbeitet, greift diese Geschichte in der Off-Theater-Atmosphäre des E-Werks beim Kunstfest Weimar auf. Dr. Herfurth wird bei ihr zu einem Giftzwerg mit „Deutscher Michel“-Zipfelmütze, der derart viel Galle spuckt, dass er auf drei Puppen aufgeteilt werden muss, die Suse Wächter gemeinsam mit Ulrike Langenbein und Veronika Thieme führt.

Das Re-Enactment der Landtagsdebatten mit Ausschnitten aus den Plenarprotokollen und die fiktiven Dialoge auf der Couch von Dr. Freud sind der Kern des Abends: ein toller Stoff, witzig umgesetzt, mit den Zuschauern als Zwischenrufern (von der Pappe abgelesen).

Leider beließen es Suse Wächter und ihre Mitstreiter nicht bei diesem Plot. Statt der ursprünglich angekündigten 1h45 Minuten blähten sie den Abend auf 2h45 Minuten inklusive Pause auf. Das Beiwerk ist fade: Sachiko Hara (Gast vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg und dort vor allem aus ihrer Zusammenarbeit mit René Pollesch und Christoph Marthaler bekannt) hat mehrere kurze Auftritte als Else Lasker-Schüler, die damals tatsächlich am Bauhaus bei Lesungen auftrat. Hara trägt nicht nur Lasker-Schüler-Lyrik, sondern auch Lieblingsrezepte und Anleitungen zur Teezeremonie vor und zieht den Abend damit ebenso unnötig in die Länge wie Pascal Lalo, der als Conférencier für die Überleitungen vom eigentlichen Kern des Abends zu den weniger gelungenen Ausschmückungen zuständig ist.

Bilder: Thomas Müller/Kunstfest Weimar 2018

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