Orpheus

Klassisches Sprechtheater bietet das Thalia Theater Hamburg zur Eröffnung seiner „175 Jahre Thalia Theater – 175 Jahre Gegenwart“ nur sehr feindosiert. Die verspielte, glänzend choreographierte Annäherung an den „Orpheus“-Mythos, die Regisseur Antú Romero Nunes im Untertitel als „musische Bastardtragödie“ bezeichnet, ist dennoch ein gelungener Saison-Auftakt.

„Der Wortschatz ist beschränkter als das Vokabular unserer Sinne“, erklärt Nunes im Programmheft-Interview. Konsequent wird im ersten Teil des knapp anderthalbstündigen Abends kaum ein Wort gesprochen, dafür um so leidenschaftlicher getanzt, gestritten, gestampft und gelitten. Verdienten Szenenapplaus ernten die testosterongesättigten Götter (Sebastian Zimmler als Dionysos, Sven Schelker als Apollon, Björn Meyer als Amor, Pascal Houdus als Zeus und Bekim Latifi als Hermes): dass alle fünf komödiantisches Talent besitzen, haben sie oft genug bewiesen. Die mitreißenden Choreographien der Götter, die von fünf Live-Musikerinnen sowie elf Tänzerinnen und Tänzern begleitet werden, überzeugen auch tänzerisch.

Ins Zentrum seiner sehr frei assoziierenden, sich oft auf atmosphärische Stimmungen konzentrierenden Bearbeitung stellt Nunes ein lesbisches Liebespaar: Sänger Orpheus (Lisa Hagmeister mit mehreren tollen Chanson-Soli) ist bei ihm ebenso weiblich wie Eurydike (Marie Löcker, zunächst taubstummm, dann in breitem Österreichisch).

Nach einigen schwächeren Inszenierungen, die sich zu sehr im Slapstick ergingen, konzentriert sich Antú Romero Nunes, der vor einem Jahrzehnt als Jungstar die Theaterszene aufmischte, auf seine Stärken: Mit Orpheus gelingt ihm ein sehr konzentriertes, alle Sinne ansprechendes Bühnenspektakel, das phantasievoll Tanz, Musik und Gesang mit einer Prise Schauspiel mischt. Ein Abend, der wunderschön anzuschauen und voller Energie ist. Seine schwächeren Momente hat er bezeichnenderweise dann, als Nunes ganz auf das Wort setzte.

Bilder: Armin Smailovic

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