Let them eat money

Ein düsteres Zukunftsszenario haben Andres Veiel und Jutta Doberstein in ihrem Stück „Let them eat money – Welche Zukunft?!“ entworfen: Der Euro ist nach dem Austritt Italiens und Panikverkäufen abgestützt, es kommt zu Massendemonstrationen und Plünderungen. Das Parlament der Rumpf-Nord-EU löst sich auf, die Infrastruktur wird meistbietend an einen chinesischen Staatskonzern verscherbelt. Ein neue Parkinson-ähnliche Volkskrankheit grassiert, NOVA, eine Mischung aus Pharma- und Agrar-Konzern, forscht auf künstlichen Inseln an einer Chip-Technologie. Wegen weltweiter Dürreperioden stieg der Migrationsdruck gewaltig an, das Saatgut hat NOVA monopolisiert. Dieser Albtraum ist auf das Jahr 2028 datiert.

Im schwarzen Anarchia Anticapitalista-Outfit tritt die „Let them eat money“-Bewegung auf den Plan. Der Computer-Nerd Onz (Thorsten Hierse) und die alleinerziehende Aktivstin Yldune (Kathleen Morgeneyer) gründen ein Kommando, das die Strippenzieher in Politik und Wirtschaft entführt und vor das Tribunal ihrer 11.000 Follower stellt. Todesstrafe: ja oder nein?

Vor dem Tribunal müssen sich Stefan Tarp (Frank Seppeler), Start-up-Milliardär und NOVA-CEO , Frerich Konnst (Jörg Pose), Ex-Investmentbanker und Chef der Europäischen Zentralbank, Franca Roloeg (Susanne-Marie Wrage), EU-Kommissarin und zwischen Anpassung und Widerstand zerrissenste Figur des Abends, und Rappo Rosser (Paul Grill), Gewerkschafter und Grundeinkommens-Aktivist, verantworten.

Im Schnelldurchlauf werden die verschiedenen Bausteine des Krisen-Mosaiks angetippt. Man tut gut daran, sich vorher im Programmheft über die Biographien der fiktiven Protagonist*innen und die Chronik der Ereignisse von 2018-2028 zu informieren, um der Handlung besser folgen zu können. Die Bühne (Julia Kaschlinski) ist durch zahlreiche Gimmicks aus der Cyber-Welt geprägt. Die Kurzbotschaften der Follower werden zwischen Lichteffekten (Matthias Vogel) und Videos (Daniel Hengst) projiziert.

Die Inszenierung „Let them eat money – Welche Zukunft?!“ ist als dritter Akt eines vierstufigen Prozesses gedacht: das Deutsche Theater Berlin und die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss haben sich vorgenommen, die zentralen ökokologischen und ökonomischen Herausforderungen gemeinsam zu durchdenken und unter dem DT-Spielzeit-Motto „Welche Zukunft?!“ nach Auswegen und Alternativen zu Katastrophenszenarien zu suchen, wie sie in „Let them eat money“ durchgespielt wurden.

Im ersten Schritt haben Bürger*innen und Wissenschaftler*innen in einem Labor im September 2017 gemeinsam fiktionale, aber faktenbasierte Szenarien entwickelt. Darauf folgte im April 2018 ein Symposium, das die aufgeworfenen Fragen unter dem Titel „Der nächste Staat – Rethinking State“ veriefte. Nach dem Theaterstück, das am 28. September 2018 am DT uraufgeführt wurde, soll im Frühjahr 2020 eine große Abschlusskonferenz Bilanz ziehen.

Das Gesamtprojekt ist sehr ambitioniert und auch der Theaterabend gibt einige interessante Denkanstöße. Die Figuren verhandeln z.B. die spannende Frage, ob das Grundeinkommen, für das Linke wie Katja Kipping im realen Leben und das fiktive Duo Roloeg/Rosser im Stück werben, ein emanzipatorisches Projekt ist, das zu einer sozialeren, selbstbestimmteren Gesellschaft führt? Oder ob es sich um ein Trojanisches Pferd handelt, das von Arbeitgeber-Seite genutzt wird, um im nächsten Schritt die Sozialversicherungssysteme abzureißen und den Sozialstaat auf eine Mindestsicherung zu schrumpfen?

Das Problem des Theaterabends ist jedoch, dass die Figuren am Reißbrett entwickelt wurden und durch einen kolportage-artigen Plot hetzen, an dessen Ende Yidunes Tochter Sina (Luise Hart) vor der Entscheidung steht, ob sie die aus dem Ruder gelaufenen Aktionen ihrer Mutter und ihres Ziehvaters weiter mitträgt. Die Spieler*innen verkörpern keine lebendigen Charaktere mit Ecken und Kanten, sondern Thesenträger innerhalb eines Katastrophen-Szenarios Deshalb hinterlässt der Abend, der manche wichtige Denkanstöße gibt, auch einige Fragezeichen.

Bilder: Arno Declair

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