Sorry Angel

Die AIDS-Krise, die in den 1980ern und 1990ern so viele hoffnungsvolle junge Talente früh sterben ließ, Freundeskreise auseinander riss und so viel Angst und Schrecken verbreitete, steckt den französischen Filmemachern tief in den Knochen. Nur ein Jahr nach „120 bpm“ von Robin Campillo, der dem Engagement von „Act up!“ ein Denkmal setzte, lief 2018 Christophe Honorés sehr persönliche Erinnerung „Plaire aimer et courir vite“ (internationaler Verleih-Titel „Sorry Angel“) im Wettbewerb des Festivals von Cannes, dem Hochamt des französischen Kinos.

Honoré erzählte bei seinem kurzen Auftritt vor der gestrigen Berlin-Premiere, dass es ihm ein großes Anliegen war, in die damalige Zeit einzutauchen und an die vielen Freunde zu erinnern, die er verloren hat. „Sorry Angel“ spielt im Jahr 1993 zwischen Rennes, wo Honoré damals Film studierte, und schicken Apartments in Pariser Intellektuellenvierteln, wo der Regisseur heute lebt. Unaufgeregt, aber manchmal zu langatmig erzählt er die fiktive, melodramatische Geschichte, wie sich die Wege des Schriftstellers Jaques, Mitte 30, und des sexuell experimentierfreudigen, mehr als zehn Jahre jüngeren Studenten Arthur bei einer Programmkino-Vorstellung von „Das Piano“, dem Hit des damaligen Kinojahres mit der Goldenen Palme in Cannes und drei Oscars, zum ersten Mal kreuzen.

In langen, äußerst verqualmten Einstellungen zeigt der Film, wie sich die beiden beschnuppern, andere Abzweigungen nehmen und dank der großen Anziehungskraft zwischen ihnen doch immer wieder zueinander zurückkehren. Statt einer schönen „Amour fou“-Geschichte, wie sie uns französische Filmemacher*innen ebenso oft wie elegant erzählen, ist „Sorry Angel“ die schmerzhafte Erinnerung an eine unmögliche Liebe, die unter dem Damoklesschwert von AIDS nicht Wirklichkeit werden kann. In Großaufnahme zeigt die Kamera die vom nahen Tod gezeichneten Körper von Jaques` Freunden, einen von ihnen hat er zur Pflege in seiner Wohnung aufgenommen.

Für die beiden Hauptrollen hat Honoré eine sehr gute Besetzung gefunden: den abgeklärten, vom Tod gezeichneten, in einem amüsanten literaturwissenschaftlichen Monolog über unterschiedliche Typen blonder Liebhaber räsonierenden Schriftsteller Jaques spielt Pierre Deladonchamps, der 2013 mit „Der Fremde am See“ in Cannes berühmt wurde. Sein jugendliches Gegenüber Arthur verkörpert Vincent Lacoste, der seit seinem Debüt als Teenager in „Jungs bleiben Jungs“ (2009) als eine der großen Nachwuchshoffnungen des französischen Kinos gilt.

„Sorry Angel“ ging in Cannes leer aus und passt in seiner sehr elegischen, zurückgenommen Art auch besser in Programmkinos als zum Glamour auf den Roten Teppichen der A-Festivals. Auch wenn er bei weitem nicht so schön und lebensfroh wie Honorés bisher bestes Werk „Les Chansons d´amour“ mit der Traumbesetzung Louis Garrel, Chiara Mastroianni und Ludivine Sagnier ist, wird „Sorry Angel“ sein Publikum finden.

Kinostart: 25. Oktober 2017

Bilder: Salzgeber & Co. Medien GmbH

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