1984

Dieser Abend ist ein Hybrid aus Rockkonzert und Theateraufführung. Hervorragend funktioniert er vor allem auf der ersten Ebene. Christian Friedel und seine Band „Woods of Birnam“ schmettern aus dem Dunkel heraus ihren ersten Song. In einer Mischung aus Conférencier, Rockstar und „Großer Bruder“ mischt Friedel das Geschehen immer wieder auf. Seine mitreißenden Songs, die er mit seiner Band selbst geschrieben hat, dienen weniger als Kommentare zur Bühnenhandlung, sondern wirken vor allem als Verstärker der düsteren Atmosphäre, die Petras und Olaf Altmann auf der von schwarzen Säulen gerahmten Drehbühne erzeugen.

Auf der zweiten Ebene erleben wir, wie Armin Petras den Klassiker „1984“ von George Orwell aktualisiert. Er schiebt Szenen ineinander, deutet manches nur assoziativ an und gibt der Liebesgeschichte von Winston Smith (Robert Kuchenbuch) und Julia (Lea Ruckpaul) ungewöhnlich viel Raum. Die beeindruckend hellsichtige Klarheit, die Orwells Dystopie zum auch heute noch sehr lesenswerten Klassiker gemacht hat, bleibt in der Petras-Inszierung dabei etwas zu sehr auf der Strecke.

Kuchenbuch und Ruckpaul legen einen von Denis Kuhnert choreographierten akrobatischen Pas de deux aufs Parkett, bevor sie entdeckt und inhaftiert werden. Im Knast trifft Winston auf ehemalige Kollegen und Nachbarn, die allesamt Clowns-Mützen tragen. Diese spielerischen Szenen haben Schauwert, wirken aber oft zu beliebig und deshalb in einer Bearbeitung eines derart zwingenden Textes wie „1984“ deplatziert.

In seiner Bearbeitung winkt Petras auch zu heftig mit dem Zaunpfahl, wenn sich seine Figuren z.B. über „Likes im Faceheft“ freuen. Die Folter-Szenen des Buches, deren zu naturalistisch ausgestellte Brutalität am Hamburger Ernst Deutsch Theater in einer Inszenierung von Elias Perrig einige Besucher*innen so schockierte, dass die Premiere 2017 abgebrochen wurde, deutet Petras in einer Orgie mit Kunstblut an, die O´Brien (Wolfgang Michalek) über Winston ausgießt. Sie wird überschattet von einem gemeinsamen Ausflug von Friedel und Michalek ins Publikum, die durch die Reihen tigern, aber es nicht auf eine wirkliche Konfrontation mit dem Publikum ankommen lassen.

Eine große inszenatorische Schwäche ist, dass der Regisseur die Sichtachsen des Publikums zu wenig berücksichtigt. Mehrfach agieren die Spieler*innen ganz vorne an der Rampe, so dass der Abend für alle, die nicht ganz vorne sitzen, streckenweise zum Hörspiel wird, das noch zustätzlich durch das akrobatische Gehampel der Vorderleute beeinträchtigt wird, die auf ihren Sitzen hin- und herrutschen, um vielleicht doch noch einen Blick auf das Spielgeschehen zu erhaschen.

Dass der Abend beim Publikum gut ankam, ist vor allem seiner musikalischen Qualität und den starken schauspielerischen Leistungen zu verdanken. Mit „1984“ verabschiedete sich Armin Petras von seiner Intendanz am Schauspiel Stuttgart, zentrale Spieler*innen dieser Koproduktion wie Michalek und Ruckpaul wechselten zur neuen Spielzeit ans Düsseldorfer Schauspielhaus, wo die Inszenierung am 12. Mai 2018 Premiere hatte und weiterhin im Repertoire zu sehen ist.

Bild: Thomas Aurin

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