Das 1. Evangelium

Während knapp 500 km weiter der ehemalige Hausherr Frank Castorf wieder mal eine sechsstündige Dostojewski-Roman-Adaption in die Hirne des Publikums schreien lässt, wabert am Rosa-Luxemburg-Platz an diesem Allerheiligen-Premueren-Abend Weihrauch durch den endlich wieder voll besetzten Saal der Volksbühne. Jedem guten Katholiken muss es das Herz wärmen, wie Kay Voges mit den Klängen von Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion und dem markant-herben Geruch eine sakrale Atmosphäre heraufbeschwört.

Die feierliche Stimmung weicht schnell der Reizüberflutung. Fred (Paul Grill) übernimmt das Kommando. Als Klischee eines hysterischen, seine Launen an Spieler*innen und Techniker*innen auslassender Regisseur hat er sich vorgenommen, ein B-Movie über das Matthäus-Evangelium und die Passion Christi zu drehen – inspiriert von und voller Anspielungen auf Pier Paolo Pasolini und dem weniger bekannten amerikanischen Fotografen Fred Holland Day.

Das Kamera-Team hat alle Hände voll zu tun, durch das verwinkelte Bühnenbild zu jagen und die Szenen live auf die Leinwände zu projizieren. Alles passiert gleichzeitig, Überforderung ist hier wie schon in der „Borderline-Prozession“ von Kay Voges Programm. Zwischen all den Schnipseln aus Philosophie und Popkultur, von Derrida bis Tocotronic, die als kurze Schnipsel in dem Bildergewitter auftauchen, leuchtet auch programmatisch ein Leitsatz des Cineasten-Idols und Nouvelle Vague-Gurus Jean-Luc Godard auf: „Wenn zwei Bilder aufeinandertreffen, entsteht ein Drittes. Eine andere Art des Sehens.“

Zwischen all den Theorie-Bröckchen liefert Holger Stockhaus seine gewohnten Comedy-Auftritte als Pontius Pilatus und als Produzent, der sich den Regisseur vorknöpft. Statt präziser, klar artikulierter Fragen bleibt der Abend ein Wimmelbild, das ziellos wie eine Flipperkugel zwischen philosophischem Anstrich und Comedy-Unterhaltung hin- und her-springt.

Das Prinzip ist bekannt und Kay Voges präsentiert in dieser Arbeit, die zum Ende der Petras-Ära im Januar 2018 am Schauspiel Stuttgart Premiere hatte und nun von der Volksbühne Berlin übernommen wurde, stolz sein Handwerkszeug. Die Zitate sind fleißig zusammengetragen, die aufwändige Logistik des Livedrehs auf der Bühne klappt reibungslos. Dennoch hinterlässt dieser Abend einen unbefriedigenden, schalen Eindruck. Shirin Sojitrawalla brachte es in ihrer Nachtkritik auf den Punkt, dass der Abend vor allem in der zweiten Hälfte leer dreht: in bester Castorf-Tradition sehr hochtourig, aber leider auf der Stelle tretend.

Bilder: Julian Röder

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