Fleck und Frevel

Einzeln werden die Besucher*innen von „Fleck und Frevel“ mit verbundenen Augen über den Schauplatz eines Verbrechens geführt. In der Bauchtasche, die jede*r bekommen hat, finden sich ein paar Geldscheine, eine Vorladung zum Polizeirevier und ein Ausweis. Wir alle sind Rodion.

Sobald man die Augenbinde abgenommen hat, darf man sich unter die vielen anderen Rodions mischen, die zwischen den mit Sperrholz-Wänden abgetrennten Kabuffs flanieren. In jeder Wohnung wartet eine andere Figur aus Dostojewskis Wälzer, der unter den Titeln „Schuld und Sühne“ (klassische Übersetzung) oder „Verbrechen und Strafe“ (neue Übersetzung von Swetlana Geier) bekannt ist.

Jede dieser Figuren fiebert vor sich hin, im Dostojewski-typischen „Nadryw“ und verwickelt die Rodion-Zuschauer*innen/Mitspieler*innen in ein Gespräch. Statt der Schwarmintelligenz klumpt sich die vielfach gespaltene Rodion-Persönlichkeit zu Trauben zusammen, immer dort, wo es gerade etwas lauter wird.

Wir pendeln zwischen den Wohnungen eines Trinkers, seiner Tochter und einer einäugigen Vermieterin hin und her, landen immer wieder bei einem Anstreicher, der verzweifelt damit beschäftigt ist, die Wand frisch zu weißen, aber die Blutspuren nicht wahrhaben will. Jan Jaroszeks Maler steigert sich in einen Wahn der Selbstanklage hinein, lässt sich ans Kreuz binden und ein „Ich war´s“ auf den Rücken pinseln.

Zwei Stunden lang irren die Spieler*innen durch den Parcours, ohne der Lösung des immersiven Verbrechens, näher zu kommen. Immer wieder hören sie ähnliche Varianten derselben Versatzstücke und drehen sich im Kreis. Die Stimmung erinnert im Lauf des Abends stärker an Kafka als an Dostojewski. Wie K. werden dann auch die Teilnehmer*innen dieses Theater-Abends mit ihrer plötzlichen Verhaftung und Deportation ins sibirische Straflager konfrontiert, das sich an der leider viel zu verqualmten Bar im 1. Stock des Ballhaus Ost befindet.

„Fleck und Frevel“ ist das interessante Experiment, aus einem Dostojewski-Roman, dessen Lektüre noch zeitintensiver und fast so anstrengend wie eine Castorf-Adaption ist, ein zweistündiges, unterhaltsames Game-Theater zu machen. Da machina eX bei seinen Rate-Parcours mehr Fährten legt und sich nicht so hermetisch im Kreis dreht, ist der Rätselspaß dort größer. Von „Fleck und Frevel“ bleiben vor allem die raunenden Stimmen der aufgewühlten „Prinzip Gonzo“-Spieler*innen in Erinnerung, die durch diesen Abend führen.

Bilder: Prinzip Gonzo

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