Die stillen Trabanten

Es ist sicher keine einfache Aufgabe, die melancholischen Erzählungen „Die stillen Trabanten“ von Clemens Meyer auf die Bühne zu bringen: lakonisch skizzierte Stimmungsbilder von ganz alltäglichen Menschen, die oft ihren Erinnerungen nachhängen wie die Großmutter in „Der Spalt“, die sehnsüchtig auf ihren Enkel wartet, oder wie der Jockey in „Unterm Eis“, der Zeit seines Lebens davon träumte, einmal beim Rennen im mondänen St. Moritz zuschauen zu dürfen.

Armin Petras ringt trotz langjähriger Regie-Erfahrung sichtlich damit, bei der Uraufführung dieses 2017 erschienen Erzählungs-Bandes den richtigen Ton zu treffen. Er wählte fünf der neun Episoden aus, die nur durch die gemeinsame düstere, manchmal etwas tragikomische Grundstimmung verbunden sind. Auf der Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters wird daraus zum Teil so bleiern-statisches, in den Schwaden des Bühnennebels versinkendes Nacherzähltheater wie in den beiden Episoden „Die Entfernung“ über einen Suizid auf den Bahngleisen oder wie in „Der Spalt“, bei dem die eingangs erwähnte Großmutter auf ihren vermeintlichen Enkel trifft.

Selten gelingt die spielerische Umsetzung so gut wie in der Szene „Späte Ankunft“, die auch die stärkste Erzählung des Buchs ist. Katrin Wichmann und Anja Schneider spielen darin die Reinigungsfrau Christa, die am Bahnhof Züge sauber machen muss, und die sächselnde Friseurin Christa. Sie tasten sich langsam aneinander heran und erleben kurze Momente des Glücks, das natürlich auch hier flüchtig bleibt. Die beiden Spielerinnen nutzen die tragikomischen Steilvorlagen des Textes und kommen sich in einer Choreographie der Unsicherheit von Denis Kooné Kuhnert näher, die live auf der Bühne von Miles Perkin an der Gitarre (später auch am Klavier) begleitet wird.

Auch die Titelgeschichte des Bandes „Die stillen Trabanten“ hätte einiges an Potenzial geboten. Da sich Petras aber im Gegensatz zu den anderen Miniaturen mit nur zwei bis drei Spieler*innen entschied, zum Finale noch mal das ganze Ensemble auf die Bühne zu holen, wird diese von Meyer präzise beschriebene Szene im Gewirr zu vieler Beteiligter, die sich die wenigen Rollen teilen, unübersichtlich.

Anscheinend war auch Petras und seinem Team bewusst, dass der Abend trotz der beschriebenen Lichtblicke zu düster und statisch gerät. Das ist für mich eine Erklärung für das Rätsel, warum er vor der Pause noch „Der kleine Tod“ einbaute, eine surreale Geschichte von Clemens Meyer, die als einzige aus seinem früheren Band „Die Nacht, die Lichter“ (2008) stammt. Sie wird zur Vorlage für Free-Style-Comedy, die so gar nicht zur Tonlage des restlichen Abends passt. Wie Božidar Kocevski beim Zappen durch die TV-Kanäle blitzschnell die Rollen wechselt und verschiedene Formate parodiert, ist großartig gemacht. Immerhin noch zum Schmunzeln für Insider ist der Auftritt von Intendanten-Sohn Alexander Khuon, der in breitem alemannischem Dialekt plaudert, wie er das Erbe des Vaters übernimmt. Hoffnungslos albern wird es, als er nackt über die Bühne springt und Anja Schneider die Nespresso-Kapseln aus den Werbespots mit George Clooney, die schon in seinem Plauder-Monolog eine Roller spielten, an ihm festklebt. Durch diese Comedy-Szene wird der ursprünglich für 2,5 Stunden angekündigte Abend noch auf drei Stunden aufgebläht.

Als Fazit der Uraufführung von „Die stillen Trabanten“ bleibt festzuhalten, dass es dem Petras-Theaterabend nicht schafft, den tragikomischen Ton von Clemens Meyer zu treffen. Das gelang Thomas Stuber in seinem Film „In den Gängen“ fabelhaft, der auch auf einer Erzählung aus dem 2008er Band basiert und eines der Wettbewerb-Highlights der Berlinale in diesem Winter war. Peter Kurth konnte darin an der Seite von Franz Rogowski glänzen. In „Die stillen Trabanten“ darf er während der Comedy-Passage nur stumm mit blonder Perücke und im Nachthemd dabeisitzen. In seinen beiden weiteren Auftritten als Security-Mann, der in „Glasscherben im Objekt“ dem Flirt mit einem Mädchen nachtrauert, mit langem Pantomime-Solo und als Lokführer in „Die Entfernung“, der nach einem Suizid die Witwe trifft, kann er zu selten sein Können aufblitzen lassen, mit dem er gerade in „Babylon Berlin“ einem Millionenpublikum jenseits der Theaterblase bekannt wurde. Viele sind sicher auch seinetwegen ins Theater gekommen.

Bilder: Arno Declair

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