Panikherz

Eindrucksvolle Bilder bleiben von diesem mehr als dreistündigen Sucht- und Drogen-Trip in Erinnerung: Traumverloren tanzt Pascal Houdus in einem Zürcher Club. Nostalgisch badet Sebastian Zimmler in der 90er Jahre-Nostalgie zu „Gangsta´s Paradise“ von Coolio. Auch davor hatten beide schon starke Monologe: Zimmler bekam zurecht Szenen-Applaus für einen minutenlangen, pointierten Monolog über die Phrasen und Lebensbilanz-Vergleiche, die auf Klassentreffen ausgetauscht werden. Houdus erzählt mit frechem, jungenhaftem Charme vom Aufwachsen in einem protestantischen Pfarrhaus in der Provinz (zunächst in Rotenburg/Wümme, dann in Göttingen).

Interessant ist auch, wie der Abend mit Faust-Zitaten spielt: Vom „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“ der ersten Drogenerfahrungen über das „Verweile doch, du bist so schön“, das über den Rausch-Exzessen des Mittelteils prangt, bis zu den Mephisto-Hörnern, die sich Zimmler mehrfach aufsetzt.

Der Abend leidet jedoch unter zu vielen Längen. Vor der Pause franst „Panikherz“, Christopher Rüpings Adaption des autobiographischen Romans des Jahrtausendwende-Popliteratur-Sternchens Benjamin Stuckrad-Barre schon etwas aus. Danach dehnt ein Small-Talk von Sebastian Zimmler zwei Frauen aus dem Publikum den Abend unnötig in die Länge: seine beiden Flirts bei Sekt und Zigarette wirken wie ein recht bemühter Aufguss seiner zum Kult gewordenen „Don Giovanni“-Rolle.

Mit einem beherzteren Regiezugriff von Christopher Rüping hätte aus den hervorstechenden Szene ein starker Abend werden können. Dem stand aber außer einigen zu albernen Intermezzi das Grundproblem der Aufführung im Weg: Benjamin von Stuckrad-Barre ist keine so spannende Persönlichkeit, dass sie einen derart langen Abend tragen könnte. Sein Narzissmus und sein Abdriften in Esstörungen, Kokainsucht und Eskapismus sind hinlänglich bekannt und wären eher etwas für eine kurze Tour de Force, die einige Schlaglichter markiert, als seine Lebensbeichte nachzuerzählen.

So bleibt der Abend vor allem etwas für Fans: für die Fans von Stuckrad-Barre, der als auf sieben Spieler*innen aufgespaltene Persönlichkeit im Zentrum steht, für Fans von Udo Lindenberg, einem Idol des Teenagers Stuckrad-Barre und der ihm später aus einer Lebenskrise half, vor allem auch für Fans der 90er Jahre-Hits des schon erwähnten Coolio, von Nirvana und Oasis. Etwas kurz kommen die Schnipsel aus der damaligen TV-Branche, in die Stuckrad-Barre als Gag-Schreiber von Harald Schmidt tief involviert war. Dieses Archivmaterial beschränkt sich auf einen kurzen Dialog der „Zimmer frei“-Gastgeber*innen Christine Westermann/Götz Alsmann, die ihm damals 27jährigen Stuckrad-Barre prophezeiten, dass er entweder drogenabhängig oder Weltstar werde, und das anschließende „Andrea Doria“-Solo von Stuckrad-Barre als Hommage an Lindenberg.

Bild: Krafft Angerer

2 thoughts on “Panikherz

  1. Fabian Engelmann Reply

    Ich habe die Aufführung auch gesehen und hatte den gleichen Eindruck: Die Person ist nicht so spannend, als das sie genügend Stoff hergibt, der irgendwann nicht langweilt. Die Muster seines Verhaltens waren schnell klar und wiederholten sich. Die Inszenierung und die Schauspieler waren gut, aber die literarische Vorlage gibt nicht so viel her.

  2. Pingback: Panikherz — Das Kulturblog | Kultur-und Theaterpädagogik

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