Sunset

Sowohl beim Erzähl-Tempo als auch bei der Film-Länge eifert der ungarische Regisseur László Nemes seinem südkoreanischen Kollegen Lee Chang-dong nach: das Historien-Drama „Sunset“ ist fast so lang und mindestens so gemächlich wie „Burning“.

Fast zweieinhalb Stunden stolpert Iris Leiter (Juli Jakab), Tochter einer Hutmacher-Familie, durch das Budapest kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs und dem Ende der k.u.k.-Monarchie. Jede Einstellung dieser ungarischen Produktion atmet die Patina vergangenen Glanzes und morbiden Verfalls.

Wer „Son of Saul“, das Erstlingswerk von Nemes gesehen hat, kennt seinen programmatischen Ansatz: er ist gegen eine „industrialisierte Sprache“ und die üblichen Erzählstrategien von Film und Fernsehen. Ihm schwebte ein „Märchen“ und „Mysterium“ vor, das sich jeder Kinobesucher im Kopf selbst zusammensetzen muss, schreibt er im Begleitheft. Die Kamera bleibt immer dicht an der Hauptdarstellerin, der Zuschauer erhält nie mehr Informationen als die widersprüchlichen Gerüchte und raunenden Warnungen, die Iris aufschnappt.

Sie kommt mit dem Zug zurück in die Stadt, möchte sich in der ehemaligen Manufaktur ihrer Familie bewerben und stößt auf eine Mauer der Ablehnung. Das traditionsreiche Hutgeschäft Leiter hat neue Geschäftsführer, die Eltern von Iris sind tot. Wie kamen die Eltern ums Leben? Lebt ihr Bruder noch, vor dessen Rückkehr so viele zittern? Welche Rolle spielen die Habsburger, die regelmäßig junge Mädchen aus Budapest in die Wiener Hofburg holen.

All diese Fragen schwirren Iris durch den Kopf. Alles bleibt ein Rästsel. Dementsprechend polarisierend ist dieser sperrige Film: bei der Premiere im Wettbewerb von Venedig im September 2018 wurde „Sunset“ mit dem FIPRESCI-Preis der Filmkritik ausgezeichnet und geht als Ungarns Kandidat in das Oscar-Rennen um den besten „Fremdsprachigen Film“ 2019. Kino-zeit.de machte in einer Besprechung jedoch sehr deutlich, wo die Probleme dieses Films liegen: Nemes stolpert regelrecht über seine eigenen Füße. Die kafkaeske Odyssee ist spannungsarm und ermüdend, ohne ein Grundgerüst klarer Informationen wird das Schicksal von Iris, die durch Budapest irrt, bald egal.

Wer „Sunset“ beim „Around the World in 14 films“-Festival verpasst hat, kann ihn ab 28. Februar 2019 im Kino nachholen.

Bild: © Laokoon Filmgroup – Playtime Production 2018

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