Italienische Nacht

Rechte Schlägertrupps, die durch die Straßen ziehen und Schrecken verbieten. Eine politische Linke, die vor allem mit sich selbst beschäftigt ist. Ein SPD-Ortsverein, der mit Durchhalteparolen die eigene Krise bemänteln will.

Diese Beschreibung deutscher Gegenwart im Jahr 2018 ist zugleich auch Kurz-Zusammenfassung des heute kaum noch gespielten Volksstücks „Italienische Nacht“ von Ödön von Horváth, das 1931, zwei Jahre vor dem Scheitern der Weimarer Republik, im Theater am Schiffbauerdamm, dem heutigen Berliner Ensemble, uraufgeführt werde. Einziger Unterschied: Bei Horváth organisieren nicht brave SPD-Funktionäre, sondern ein „Republikanischer Schutzverband“ ihre kleine Sommerfete.

Einige Kilometer weiter westlich inszeniert Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier diese Ausgrabung. Auf der Drehbühne (Nina Wetzel) kreist der Gasthof Lehninger, eine recht authentische Nachbildung niederbayerischer Dorfkneipen aus Ostermeiers Heimat. Dort herrscht nicht der Wirt Josef, sondern Wirtin Josefine (Traute Hoess, manchmal nicht resolut genug in dieser Rolle).

Dieser Geschlechtertausch und der offene Schluss gehören zu den wenigen Abweichungen Ostermeiers von der Vorlage. Laurenz Laufenberg darf als namenloser „Faschist“ beim Werben um Anna (Alina Stiegler) die Textbausteine von AfD und Identitären gegen Migrationspolitik und „Überfremdung“ einfließen lassen, was sich noch recht bruchlos in das Horváth-Stück einfügt, bevor er sie hinter einem „Deutschland erwache“-Rechtsrock grölt.

Die Sozialdemokraten sind schon bei Horváth armselige Figuren. Der Stadtrat Ammersberger (Hans-Jochen Wagner) ist ein derart selbstgefälliger Macho, dass man sich fragt, warum seine Frau Adele (Marie Burchard), die einzige Hoffnungsträgerin auf weiter Flur, erst so spät gegen ihn aufbegehrt. Bei Ostermeier werden die Ortsvereins-Genossen vollends zur Karikatur: David Ruland legt Bruno Kranz als debile Witzfigur an. Dazu schwoft man gemütlich zu Schlagern („Santa Maria“), Italo-Pop („Azzurro“) oder „Perfect Day“ von Lou Reed, die von der Live-Band gespielt werden (Nils Ostendorf/Antonio Palesano, Martin Klingeberg, Thomas Witte).

Die Schlüsselfiguren des Volksstücks bleiben erstaunlich blass: Dies gilt für Wagners Stadtrat ebenso wie für Sebastian Schwarz als rebellischer Juso Martin. Wenn Kevin Kühnert bei seiner „No GroKo“-Kampagne ähnlich matt und uncharismatisch aufgetreten wäre, hätte er Andrea Nahles und Olaf Scholz nicht derart in Bedrängnis gebracht.

Wie robust ist unsere Demokratie, ein Jahr nach dem Einzug der AfD in den Bundestag und wenige Wochen nach den Übergriffen von Chemnitz. Diese Fragen liegen auf der Hand. Mit Ostermeiers solider Inszenierung von Horváths Volksstück vom Vorabend des Faschismus kommen wir ihrer Beantwortung aber nicht wesentlich näher. Zu unterschiedlich sind die historischen Rahmenbedingungen, wie auch Ostermeier in Interviews vor der Premiere betonte. Und zu brav und langatmig ist die zweistündige, verqualmte Inszenierung. Die schnellen Schnitte zwischen den sieben kurzen Bildern, aus denen Horváths Stück besteht, sind näher an der modernen Filmsprache als Ostermeiers Drehbühnen-Ästhetik, obwohl er genau dies anpeilte, wie wir in einem begleitenden Essay auf der Schaubühnen-Seite erfahren.

Bilder: Arno Declair

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