Capharnaüm

Der Überraschungshit im Wettbewerb von Cannes 2018 war „Capharnaüm“ der libanesischen Regisseurin Nadine Labaki. Vor einem Jahrzehnt war sie mit ihrer Komödie „Caramel“ zum ersten Mal aufgefallen.

Wesentlich düsterer, aber sehr bemerkenswert ist ihr neuer Film, der in Cannes den Preis der Jury gewann und vom Libanon für den „Besten Fremdsprachigen Film“-Oscar 2019 nominiert wurde.

Ein Junge (Zain Al Rafeea), nicht mehr ganz Kind, noch nicht Teenager, steht beim Gefängnis-Arzt, wird untersucht und vermessen. Sein Alter ist unbekannt und wird auf 12 Jahre geschätzt. In einer der nächsten Szenen sehen wir ihn vor Gericht. Er klagt seine sichtlich verdutzten Eltern an, dass sie ihn zur Welt gebracht haben. Dies könnte auch eine Exposition für eine Satire oder einen surrealen Fantasy-Film werden.

Labaki konfrontiert uns aber mit einem Drama, das in dokumentarisch anmutenden Rückblenden und mit glänzenden Laienschauspielern vom sozialen Elend in den ärmeren Vierteln von Beirut erzählt. Zains komplette Familie lebt auf engstem Raum in der Illegalität, einen Pass oder eine Krankenversicherung hat niemand, nicht mal das genaue Geburtsdatum ist bekannt. Das Baby dieser Großfamilie ist der Einfachheit halber mit einer Fußfessel angekettet, damit es nicht zu viel anstellen kann, da niemand Zeit hat, sich zu kümmern.

Zain verbringt sein Leben vor allem auf der Straße: keck, selbstbewusst, geschäftstüchtig und mit rotziger Gossensprache schlägt er sich durch. Der erste Einschnitt kommt, als seine Lieblingsschwester, auch noch ein halbes Kind, an einen Ladenbesitzer zwangsverheiratet wird. Das Schreien und Zetern der beiden Geschwister, die vergeblich verhindern wollen, dass die Braut abgeholt wird, geht vielen Zuschauern so an die Nieren, dass in der Kulturbrauerei beim „Around the World in 14 films“-Festival einige Tränen fließen.

Der Junge beschließt, dass er mit einer Familie, die so etwas zulässt, nichts mehr zu tun haben will, packt das Baby ein und zieht mit ihm durch die Straßen. Er bekommt dubiose Angebote, sich das Baby für eine Adoption abkaufen zu lassen, träumt davon, mit Schlepperbanden über die Türkei nach Schweden zu gelangen, und hält sich mit Nothilfe-Rationen über Wasser. Labaki spart nichts von der tristen Realität ihrer Protagonisten aus, ohne aber in Sentimentalität abzugleiten. Die Odyssee des Jungen endet mit der finalen Konfrontation, die ihn schließlich ins Gefängnis bringt.

Das „Around the World in 14 films“-Festival ist mittlerweile so etabliert, dass fast alle Filme ausverkauft sind, so auch diese Deutschlandpremiere-Spätvorstellung. Die Schattenseite dieses verdienten Erfolgs der Festival-Macher ist, dass sich auch immer häufiger Kinogäste hierher verirren, denen man erst mühsam die elementarsten Kulturtechniken beibringen muss, z.B. dass es ungemein störend ist, fast im Minutentakt sein Smartphone zu zücken, Fotos von der Leinwand zu knipsen oder auf dem Display etwas zu suchen. Schon am 17. Januar 2019 wird der Film unter dem Titel „Caparnaum – Stadt der Hoffnung“ vom Alamode-Verleih in die Kinos gebracht und vom Publikum dort dann hoffentlich unter besseren Bedingungen gesehen werden, so dass er seine volle Kraft entfalten kann.

„Capharnaüm“ ist zwar sehr düster, endet aber mit einem Lächeln des Jungen. Versprochen.

Bild: © Mooz Films

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