Shoplifters – Familienbande

Was macht eine Familie aus? Das ist das zentrale Thema des japanischen Meisterregisseurs Hirokazu Koreeda, das er zum Beispiel auch in „Like Father, like son“ (2013) behandelte, einem der eindrucksvollsten Werke in der 13jährigen Festivalgeschichte von „Around the World in 14 films“ über bei der Geburt vertauschte Kinder.

Im Mittelpunkt von „Shoplifters – Familienbande“, der in Cannes die Goldene Palme gewann und Japans Oscar-Kandidat als „Bester Fremdsprachiger Film“ ist, steht eine Wahlfamilie von Outlaws. Der vermeintliche Vater lernt den Nachwuchs an, wie sie sich mit ausgeklügelten Codes verständigen, das Personal ablenken und Ladendiebstähle durchziehen. Die angebliche Tante schlägt sich mit Peepshows durch und die vermeintliche Oma hält das Ganze liebevoll und mit lebensklugen Ratschlägen zusammen.

Nach und nach wird klar: Diese Familie ist gar keine Familie im herkömmlichen, blutsverwandten Sinn, nur eine Symbiose von Gleichgesinnten, die auf Lügen, Täuschungen und sogar einem Mord aufbaut, aber erstaunlich gut funktioniert. Sie funktioniert jedenfalls viel besser und harmonischer als die wohlhabende, lieblos-patriarchale Familie, die die kleine Yuri in der Kälte aussetzte. Auf dem Heimweg von einem Diebeszug nehmen „Vater und Sohn“ das kleine, hilflose Mädchen kurzerhand mit und adoptieren sie in ihren Clan. Das kleine Einmaleins des Supermarkt-Klauens bringen sie ihr dafür natürlich sofort bei, die Schule besucht hier niemand und auch sonst meidet man den Kontakt zur Außenwelt.

Die kleinkriminelle Clique könnte in Ruhe und bescheidenem, ergaunertem Wohlstand vor sich hin wursteln, wenn nicht die Behörden auf den Plan träten. Der Junge Shota fremdelte schon seit längerem damit, dass er plötzlich eine kleine Schwester bekam, und stellt sich bei einem Raubzug absichtlich derart dumm an, dass er erwischt wird und nach einem Sturz bei der Verfolgungsjagd im Krankenhaus landet. Die Polizei tritt nun auf den Plan und vereitelt die Flucht der restlichen Familienbande. Auch die letzten Illusionen über ihr scheinbar so friedliches Zusammenleben werden uns in den finalen Szenen genommen. Hier liegen buchstäblich einige Leichen im Keller vergraben und die Oma hat sich auch ein raffiniertes Geschäftsmodell zurecht gelegt, wie sie abkassieren kann.

Trotz dieser Desillusionierung bleibt von „Shoplifters“ vor allem die Sympathie in Erinnerung, mit der Koreeda den Alltag seiner Protagonisten manchmal eine Spur zu langatmig und detailverliebt schildert, die er als positive Gegenbilder zu traditionellen Rollenmustern der autoritären japanischen Gesellschaft vorstellt.

„Shoplifters“ war der Abschlussfilm des „Around the World in 14 Films“-Festivals, das mit 6.000 Zuschauer*innen und 80 % Auslastung einen neuen Rekord aufstellte. Bereits am 27. Dezember 2018 kommt der Film in die Kinos.

Bilder: © WILD BUNCH GERMANY 2018

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