Macbeth

Als große Oper mit literweise Kunstblut, den wummernden Bässen von Bert Wrede und düsteren Nebelschwaden auf Olaf Altmanns ansonsten leerer Bühne inszeniert Michael Thalheimer, Hausregisseur des Berliner Ensembles, das Schottenstück. Dem knapp zwei Stunden kurzen Abend liegt nicht die berühmte Shakespeare-Tragödie aus dem europäischen Literatur-Kanon zugrunde, sondern die wesentlich pessimistischere Nachdichtung von Heiner Müller aus dem Jahr 1971.

In einem lesenswerten Esssay für das Programmheft wird Müllers Weltanschauung sehr anschaulich erklärt: er sieht die Geschichte als Abfolge blutiger Gemetzel und als Aneinanderreihung von Klassenkämpfen. Der Staat dient nur als Repressionsinstrument, um die Audgebeuteten und das Proletariat in Schach zu halten. Diese düstere, marxistische Philosophie prägt auch Thalheimers Abend.

Dies bringt einen großen Nachteil mit sich: die Figuren wirken austauschbar. Ohne scharfe Konturen ihrerr Persönlichkeit metzeln sie sich gegenseitig nieder. Ihre Beweggründe und Charakterzüge verschwinden schemenhaft im Nebel. Trotz der nur 110 Minuten hat dieser „Macbeth“ einige Längen: ein Befund, der gerade bei Thalheimer, dem großen Sezierer und Skelettierer der Dramen auf ihren Kern, ungewohnt ist.

Dennoch hat dieser „Macbeth“ seinen Reiz. Allein schon wegen Constanze Becker als Lady Macbeth lohnt sich dieser Theaterabend. Die schneidende Verachtung und Eiseskälte, die aus jedem ihrer Sätze spricht, ist ihre große Stärke, in dieser Tragödie kann sie ihre Begabung nach einigen schwächeren Auftritten und Rollen, die nicht optimal zu ihr passten, wie in „Caligula“ und „Griechische Trilogie“ endlich wieder voll ausspielen. Thalheimer lässt seine Star-Schauspielerin, mit der er seine größten Erfolge feirte, umso heller leuchten, weil sein „Macbeth“ bei Sascha Nathan von vornherein die Karikatur eines armen Würstchens ist. Mit Pappkrone und schwerfälligen, schläfrigen Bewegungen ist er eher Marionette als handelnder Akteur. Mit seinem Jammern wirkt er oft kindisch wie ein verwöhnter Junge. Die Tragödie wird zur Farce.

Auch die stilisierte Gewaltorgie aus Kunstblut und Bühnennebel mit den drei Hexen (Ingo Hülsmann, Niklas Kohrt, Kathrin Wehlisch) hat ihre starken Momente. Das Regiekonzept ist zwar sehr plakativ, sorgt aber für Bilder, die sich einprägen, wie z.B. die Clowns-Fratze von Kathrin Wehlisch als Thronerbe Malcolm mit herausgestreckter Zunge vorne an der Rampe, bevor die Welt hoffnungsvoll im Dunkel versinkt.

Bilder: Matthias Horn

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