Persona

„Und wieder wäre es ein Missverständnis, zu denken, man wisse, um was es in Persona geht“, schrieb Susan Sontag 1967 über Ingmar Bergmans Experimentalfilm. Er ist sperriger und unzugänglicher als seine meisten anderen Werke. Seinen Rang in der Filmgeschichte verdankt „Persona“ seiner Rätselhaftigkeit und den ikonisch gewordenen Sequenzen, in denen die Gesichter der beiden Hauptdarstellerinnen Bibi Andersson (Schwester Alma) und Liv Ullmann (Elisabet Vogler) zu verschmelzen scheinen.

Bergmans „Persona“ ist nicht nur traumspielartiges Drama über zwei Frauen, deren Konturen sich auflösen, sondern vor allem auch eine Meditation über das Kino. Schon im Prolog mit den schnell geschnittenen, nur scheinbar willkürlichen Bildern, die ein Projektor abspult, wird dies überdeutlich. Das Spiel mit Lichteffekten bis zu einem kompletten Filmriss durchzieht den gesamten Film.

Wie will man diese filmische Reflexion auf die Bühne bringen? Es gehört schon einiges Selbstbewusstsein dazu, sich an diesem nur knapp 90 Minuten kurzen, schwer zugänglichen Brocken Filmgeschichte abzuarbeiten. Am Deutschen Theater Berlin gab es vor fast einem Jahrzehnt schon einmal einen Versuch, Bergmans „Persona“ für die Bühne zu adaptieren. Philipp Preuss ging damals recht frei mit der filmischen Vorlage um und stellte ein großes „Elektra“-Solo von Almut Zilcher in der Rolle der Schauspiel-Diva Elisabeth Vogler an den Beginn seiner Inszenierung. Bergmans Film setzt erst unmittelbar nach der „Elektra“-Aufführung ein: die Schauspielerin ist plötzlich verstummt und wurde in eine Klinik eingeliefert, Schwester Alma soll sie in einem Landhaus wieder aufpäppeln.

2018 greift Anna Bergmann den Stoff wieder auf. In ihrer Koproduktion für die Kammerspiele des Deutschen Theaters Berlin und das Malmö Stadsteater bleibt sie sehr viel näher an Bergmans Original als Preuß im Jahr 2009. Die Rätselhaftigkeit und Sperrigkeit des Films prägen auch diesen Theaterabend.

Interessant ist, welche Akzente Bergmann anders setzt als ihr schwedischer Fast-Namensvetter Bergman: die Homoerotik zwischen Alma und Elisabet wird in der Theateraufführung wesentlich plakativer ausgespielt als es Bergman im Jahr 1966 wagen konnte. Jo Schramm baute für die beiden Spielerinnen eine Grotte, in der sich die aus Schweden-Krimis bekannte Karin Lithman (als verstummte, erst kurz vor Schluss ein paar Sätze ausspuckende Elisabet Vogler) und Corinna Harfouch (als Schwester Alma) bei einer Wasserschlacht wälzen.

Andere Motive wie die Fotografie des Kindes, an das sich Elisabet erinnert, treten auf der Bühne stärker in den Hintergrund. Bergmann hat darauf verzichtet, diese Rolle zu besetzen, und besetzte neben den beiden zentralen Spielerinnen nur Franziska Machens (als strenge Ärztin) und Andreas Grötzinger (als Elisabets Mann) für zwei Kurzauftritte.

Der gravierendste Unterschied: Bergmann macht gar nicht erst den Versuch, die berühmten Szenen, in denen sich die Gesichter der beiden Schauspielerinnen auf der Leinwand übereinander schieben, für die Bühne zu kopieren.

Eine interessante Randnotiz zu dieser Inszenierung ist, dass Bergmann ihre beiden Protagonistinnen die Rollen tauscht lässt: In Malmö schweigt die Deutsche und spielt die Schwedin die redselige Krankenschwester. In Berlin ist es umgekehrt: Lithman ist die stumme Patientin, Harfouch die plappernde Schwester. Hier liegt auch die größte Abweichung vom Film: Bibi Anderson ist als Alma bei Bergman eine naive junge Frau, die den Star anhimmelt und verletzt ist, als sie erkennt, dass diese sie nicht ernst nimmt und nur mit ihr spielt. Valery Tscheplanowa war 2009 in einer ihrer ersten Theaterrollen eine ideale Besetzung für diese Alma. Corinna Harfouch, die seit Jahrzehnten in großen Rollen brilliert, nimmt man diese jugendliche Naivität nicht ab. Ihre Alma ist plötzlich nicht mehr 25, sondern 55 Jahre alt, was das gesamte Kräfteverhältnis zwischen den beiden Frauen in Schieflage bringt.

Abgesehen von den genannten Abweichungen bleibt Bergmanns Theaterabend, der viel mit Hall, Loops und Playback arbeitet, Bergmans Film treu: ebenso sperrig, ebenso rätselhaft, nur unwesentlich einige Minuten länger. Die Jury lud „Persona“ überraschend zum Theatertreffen 2019 ein.

Bilder: Arno Declair

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