Volksverräter!!

Als frei „nach Henrik Ibsen“ kündigte Hermann Schmidt-Rahmer seinen Abend „Volksverräter!!“ an. Schon in der ersten Szene des Abends wird klar, dass man „und nach Hans-Thomas Tillschneider“ hinzufügen sollte.

Tillschneider ist einer der Wortführer des rechtsnationalen Höcke-Flügels, war Gründer und Sprecher der „Patriotischen Plattform“ innerhalb der AfD und ist seit 2016 Landtagsabgeordneter in Sachsen-Anhalt. In Theaterkreisen und Feuilletons sorgte er mit seiner Forderung für Wirbel, dass die Bühnen wieder mehr klassische deutsche Stücke spielen sollen, die zur Identifikation einladen. Wer „nichts Sinnvolles“ mache, sondern nur „buntes Agitprop-Repertoire mit Regenbogen-Willkommens-Trallala“ biete, müsse mit einer Streichung der staatlichen Subventionen rechnen.

Man habe sich aufrichtig bemüht, einen Klassiker zu finden, der diesen Anforderungen entspricht und die deutschen Werte zur moralischen Ertüchtigung des Publikums hochleben lässt, sei aber nicht so recht fündig geworden, erzählt treuherzig eine der Spieler*innen der UdK Berlin, mit der das Schauspielhaus Bochum die „Volksverräter!!“ in der vergangenen Spielzeit koproduzierte. Damit ist auch schon der Ton des Abends vorgegeben: Schmidt-Rahmer bietet in seiner „Volksfeind“-Übermalung Politkabarett, das mit Zitaten, Anspielungen und Videoeinspielern gespickt ist.

Bis zur Pause sind die Protagonisten aus Ibsens Klassiker, der in den vergangenen Jahren eine Renaissance erlebt hat, noch recht deutlich zu erkennen. Hier der Badearzt Thomas Stockmann (Roland Riebeling), der einem Skandal auf der Spur ist und im Wasser der Kuranlagen Keime gefunden hat. Dort seine Schwester Petra (Veronika Nickl), die Bürgermeisterin, die bei Ibsen noch ein Peter war und die Veröffentlichung unbedingt verhindern will.

Schmidt-Rahmer macht die beiden Widersacher*innen zu scharf konturierten Karikaturen: Hier der rechte Verschwörungstheoretiker, der gegen Zensur und unterdrückte Meinungen wettert und betont, dass es „fremde Keime“ sind, die die Stadt bedrohen. Ein wütender Außenseiter, der wie Götz Kubitschek mit Großfamilie auf einem Rittergut lebt. Dort die aalglatte Karrieristin, die alle Techniken bei der berühmten Versammlungsszene alle Tricks aus dem Handbuch der Parteitagsregie beherrscht und Gegenargumente an ihrer Teflon-Schicht abprallen lässt. Sie lebt mit ihrem Mann, einem zauseligen Alt-68er (Jürgen Hartmann), der orientierungslos zwischen Karl Marx und Angela Merkel pendelt, in einer Friedrichshainer Design-Wohnlandschaft.

Der Abend kreist vor allem um die Frage, was ist heute noch „links“ und was ist „rechts“: er führt die Beliebigkeit der Positionen von Regierungsparteien der linken Mitte ebenso vor wie die APO-Strategien, Versammlungen aufzumischen, die von Rechtspopulisten und Identitären erfolgreich kopiert wird.

Der mit drei Stunden etwas zu lange und zu sehr ausfransende Abend entwickelt sich zu einem wilden Mix aus Ibsen-Schnipseln und aktuellen Zitaten, die nach der Pause die Oberhand gewinnen. Gauland, Weidel, Höcke, Jongen: das gesamte Who is Who des Establishments der selbsternannten Alternative für Deutschland ist an diesem Abend vertreten.

Auf der Schlussrunde werfen Schmidt-Rahmer und seine Spieler*innen noch rasanter mit aktuellen Zitaten um sich, so dass einem schon langsam schwindlig werden kann. Der Hass gegen Merkel in Heidenau und ein völlig verunglückter Kommunikations-Versuch zwischen einer Pegida-Aktivistin und dem sächsischen Minister Martin Dulig werden zunächst auf der Bühne in die Handlung hineinmontiert und dann als Video eingespielt. Warum man denn immer nur Videos zeige und nicht schönes, klassisches Theater wie früher spiele, motzt die Wutbürgerin. Früher habe es hier noch mehr Videos gegeben, kontert ihr Mitspieler trocken und angesichts der Castorf-Tradition der Volksbühne völlig wahrheitsgemäß. Eine schöne zusätzliche Pirouette dieser Inszenierung, die seit November 2018 und dem Beginn der Ära Johan Simons am Bochumer Schauspielhaus ins Volksbühnen-Repertoire des Interims-Intendanten Klaus Dörr wanderte. Der Wutbürgerin bleibt dann nur noch ein kleinlautes Naja, so schönes klassisches Theater, wie ganz früher.

Anders als bei Ibsen endet Dr. Stockmann nicht als unverstandener Außenseiter, sondern als neuer Volkstribun. Mit einer geballten Ladung von Trump-Zitaten und Schmähungen seiner „betrügerischen Vorgängerin“ genießt es Thomas Stockmann, sich von seiner Entourage umschwirren zu lassen, krude Anweisungen zu unterzeichnen und seine Gegner als Lügner zu beschimpfen.

So endet ein Kabarett-Abend, der es im vergangenen Jahr in die engere Wahl für das Theatertreffen schaffte, sich in seinem Einfallsreichtum und seiner Zitierlust fast überschlägt und dabei stellenweise zu sehr ausfranst. Ärgerlich ist der Nikotingestank, der von der Bühne durch die Reihen wabert, wie dies schon lange nicht mehr bei Theaterproduktionen zu erleben war.

Bilder: Karl-Bernd Karwasz, Volksbühne Berlin 2018

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