Moby Dick

Mit einer rein weiblichen Besetzung und einem rein weiblichen Team (von Regie über Kostüme bis Dramaturgie) näherte sich Anita Vulesica, in Berlin als ehemaliges DT-Ensemble-Mitglied (2011-2017) bestens bekannt, dem dicken Wälzer „Moby Dick“ von Hermann Melville an. Um einen Abend „nach“ Melville ging es ihr, betont schon der Titel des Abends: Uns erwartet also keine Nacherzählung des Roman-Plots, der schon so oft in epischer Länge verfilmt wurde, z.B. von John Huston mit Gregory Peck in der Hauptrolle des Kapitän Ahab, sondern eine postdramatische Performance, die mit Romanmotiven spielt.

Die Aufführung im 3. Stock der Volksbühne, die Vulesica mit fünf Studentinnen der HfS Ernst Busch einstudierte, ist eine ironische, nur 90 Minuten kurze Annäherung an den Klassiker. Während sich das Publikum langsam setzt, stehen die fünf jungen Frauen schon ganz aufgekratzt auf der dunklen Bühne, die einem christlichen Kreuz in Schräglage gleicht, und tuscheln aufgeregt. Ihre Kostüme sind ganz in Weiß: ein androgyner Verschnitt aus der Montur von Schiffsjungen, die ganz unten in der Hierarchie der Walfänger stehen, und Brautkleidern mit üppigen Schleiern und Reifröcken, die während des Abends fallen.

Schnell steigern sich die fünf Spielerinnen in den Wahnsinn und die Raserei der „Pequod“-Besetzung hinein, die dem berühmten weißen Wal Moby Dick hinterherjagen. Selten löst sich eine aus dem Kollektiv, häufig wird chorisch gesprochen. Immer wieder machen sie sich auf die vergebliche Jagd, brüllen „Pull, pull, pull“ und zerren mit vollem Körpereinsatz an den imaginären ausgeworfenen Netzen.

Das Männerbündische der Walfänger, das Jacob Höhne in seiner um den Begriff „toxische Männlichkeit“ kreisenden Theater RambaZamba-Inszenierung in den Mittelpunkt stellte, spielt bei Vulesica eine geringere Rolle. Die Spielerinnen karikieren ein Saufgelage, das aus der für ihre exzessiven Feiern berüchtigten Kantine der Volksbühne als Video auf die für ein paar Minuten leere Bühne im 3. Stock übertragen wird. Sarah Quarshie darf als Running-gag mit einem schnoddrigen „Kenn ich, kenn ich auch“ das „Mansplaining“ veralbern.

In den schönsten Momenten des Abends stellen die Studentinnen ihr überraschendes Gesangs-Talent unter Beweis. Hier ragt vor allem Eva Maria Nicolaus heraus, die 2017 beim Bundeswettbewerb Gesang ausgezeichnet wurde. Beeindruckend sind auch ihre stampfenden Choreographien, die sie mit angeschnallten Holzprothesen als fünffacher Ahab performen.

Etwas zu viel Raum nehmen die Parodien auf die Exkurse ein, die Melville in seinen Roman einstreute: die fünf Spielerinnen brechen immer wieder aus der hektischen Suche nach dem Wal aus und bombardieren das Publikum mit Wikipedia-artigen Infoschnipseln über alles, was wir noch nie über Wale wissen wollten und erst recht nicht zu fragen wagten.

Der kurze Abend ist eine Talentprobe der fünf Spielerinnen Therese Lösch, Eva Maria Nikolaus, Sarah Quarshie, Milena Schedle und Julia Zupanc. Auf unterhaltsame Art, einigen wiederkehrenden Leitmotiven, aber auch mit zahlreichen Brüchen setzt der Abend immer wieder neu an, den Wälzer aus dem Kanon der Weltliteratur zu umkreisen und in den Griff zu bekommen.

„Was ist der Wal?“ fragen sich die Spielerinnen in einem der vielen Momente, in denen sie aus der Roman-Handlung aussteigen. „Hmm, gute Frage“, tönt es reihum. Die Antwort, an der sich schon Generationen von Literaturwissenschaftler*innen die Zähne ausbissen, muss auch an diesem Abend offen bleiben.

Bilder: Vincenzo Laera

One thought on “Moby Dick

  1. GraueZelle Reply

    Ein irritierender Abend mit einigen Längen und inhaltlichen Unklarheiten. Warum sich die ambitionierten Jungschauspielerinnen mit diesem Thema beschäftigen, ist mir nicht klargeworden. Beeindruckend: die schauspielerische Leistung von Eva Maria Nikolaus, Milena Schedle und Julia Zupanc, dagegen blieben ihre Mitspielerinnen Sarah Quarshie und Therese Lösch eher blass.
    Insgesamt schauspielerisch gelungen, eine interessante, abwechslungsreiche Umsetzung. Schade, wenn es ein schickes Programmheftchen braucht, um irgendwie Bezüge mit gesellschaftlicher Relevanz herzustellen, die sich mir leider nicht aus der Performance erschlossen haben. Vielleicht liegt’s ja an mir…?

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