Die Nacht von Lissabon

„Heute Abend habe ich schon ziemlich viel geredet“, konstatiert Dimitrij Schaad nach etwas mehr als einer Stunde auf der Bühne des Gorki Theaters. Das ist treffend bemerkt. Der Abend könnte auch „Dimitrij Schaad-Show“ heißen, Regisseur Hakan Savaş Mican entschied sich aber doch für „Die Nacht von Lissabon nach Remarque“ als Titel der Aufführung.

Im Hintergrund flimmert ein Ausschnitt aus dem essayistischen Roadmovie „Lisbon Story“ (1994), einer kleinen Fußnote im Werk von Wim Wenders. Vorne an der Rampe tritt Dimitrij Schaad an seinen Stammplatz, stellt sich vor und macht einige ironische Bemerkungen zum Roman „Die Nacht in Lissabon“, einem Spätwerk von Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1962, mit dem er nicht mehr an sein berühmtestes Buch „Im Westen nichts Neues“ anknüpfen könnte.

Dieser ironisch-schnoddrige Ton, den Schaad hier anschlägt, ist der eine Strang des Abends. Dominant wird er vor allem immer dann, wenn die Roman-Handlung im weiteren Verlauf des Abends unterbrochen wird und Reise-Videos des Regisseurs, die er bei einem Europa-Trip mit Benjamin Krieg gedreht hat, eingespielt werden. Die angekündigten Bezüge zu aktuellen Fluchtrouten übers Mittelmeer blieben fast komplett aus, stattdessen schwadronierte Schaad über einen Trip des Regisseurs zum Rheinfall oder dessen Treffen mit der Ex-Freundin in Paris.

Savaş Mican konnte sich aber nicht recht entscheiden, ob er den Roman nicht doch bieder nacherzählen will. Remarques „Die Nacht von Lissabon“ ist im Kern ein langer Lebensbeichte-Monolog, den ein gestrandeter Exilant auf der Flucht vor den Nazis seinem Leidensgenossen in einem langen Erzählrausch vorträgt. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die szenische Umsetzung. Ebenso zäh wie verqualmt schleppen sich die Szenen dahin, in denen Schaad einen Flüchtling spielt, der die falsche Identität des verstorbenen Josef Schwarz angenommen hat, und Anastasia Gubareva seine Frau Helen verkörpert.

„Die Nacht von Lissabon“ wäre ein Stoff für großes Melodram, aber davor schreckt Savaş Mican doch wieder zurück und steuert zielstrebig auf die wenigen Pointen in diesem melancholischen Roman zu, die Schaad so frisch vorträgt, als seien sie ihm gerade eingefallen. Für Schaad ist es eine spürbare Erlösung, als er neben der Josef Schwarz-Figur in ein paar kurzen Szenen auch die Rolle des bösen Nazi-Schwagers, des Gestapo-Beamten Georg Jürgens, verkörpern darf. In virtuosen Solonummern performt Schaad eine Schlägerei mit sich selbst und eine Folter-Szene am eigenen Leib.

Der zweite Lichtblick eines vom Regisseur verstolperten Abends sind die tollen Gesangseinlagen von Anastasia Gubareva, die ein breites Repertoire von französischen Chansons über griechischen Rembetiko bis zu russischer Melancholie souverän beherrscht. Die meisten Stücke, die von der vierköpfigen Band (Lukas Fröhlich, Michael Glucksmann, Wassim Mukdad und Peer Neumann) live begleitet werden, hat Jörg Gollasch, der musikalische Leiter des Abends, komponiert.

Bild: Esra Rotthoff

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