Der Junge muss an die frische Luft

„Ich sach ja, dat is nix“: Symptomatisch steht dieser Satz von Opa Willi (Joachim Król) für die Einstellung einer ganzen Wirtschaftswunder-Wiederaufbau-Generation: Zähne zusammenbeißen und nach vorne schauen. Die Kriegstraumata verdrängen und unter den Teppich kehren: Alexander und Margarethe Mitscherlich beschrieben diese weitverbreitete Grundhaltung in der jungen Bundesrepublik als „Die Unfähigkeit zu trauern“.

In dieser Welt des pragmatischen Zupackens und (zum Teil aufgesetzter) Fröhlichkeit findet sich Margaret Kerkeling (Luise Heyer) nicht zurecht. Die Ärzte wissen keinen Rat, als sie nach einem Kunstfehler bei einer OP ihren Geschmackssinn verliert und in Depressionen versinkt. Ihre Verzweiflung wurde so stark, dass sie sich das Leben nahm. Ihren Sohn parkte sie im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Er war derjenige, der sie fand.

Der Entertainer Hape Kerkeling machte diese traumatische Kindheitserfahrung 2014 in seiner Autobiographie „Der Junge muss an die frische Luft“ öffentlich und zog sich anschließend aus dem Showgeschäft zurück.

Drehbuchautorin Ruth Toma und Regisseurin Caroline Link machten aus diesem Bestseller einen gelungenen Gefühlskino-Film. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet: Die schrullige Oma Aenne (Hedi Kriegeskotte), die nach dem Motto „Wenn du weißt, was du willst, dann mach es einfach, und kümmere dich nicht darum, was die Leute sagen“, mit ihrer Kutsche durch den Ruhrpott spazieren fuhr, oder die patente Oma Bertha (Ursula Werner), die nach dem Tod der Mutter einspringt und Kerkelings Lust an der Travestie mit einem lakonisch-wohlwollenden „Hans-Peter wird immer Junggeselle bleiben“ kommentiert, sind sympathische Figuren, die dem traurigen Stoff eine Leichtigkeit geben, so dass der Film, der am 1. Weihnachtsfeiertag startete, viele Momente zum Schmunzeln hat und die ganze Familie unterhält.

Eine Entdeckung ist Julius Weckauf, ein moppeliges Alter ego des jungen Hans-Peter aus Recklinghausen, der vergeblich versucht, seine kranke Mutter aufzuheitern und im Tante Emma-Laden ganz genau zuhört, was die Kundinnen von sich geben. Ihre Macken waren Stoff für erste Parodien im Familienkreis und aus dieser Quelle speist sich auch ein Teil des im Lauf der Jahrzehnte viel umfang- und facettenreicheren Werks des großartigen Komikers Hape Kerkeling. Ganz zum Schluss dieser 100 Minuten hat auch Kerkeling selbst noch einen kurzen Gastauftritt in diesem Kinofilm, der gar nicht nötig gewesen wäre. Der Film steht für sich.

Bilder: Warner Brothers

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