Die Antigone des Sophokles von Bertolt Brecht

Kreon (Oscar Hoppe) steht wie ein Häuflein Elend am Fuß der Grabplatte. Ganz allein, von allen verlassen, Friedshofruhe. Der Herrscher, der stolz auf seine Durchsetzungskraft und Macht war, ist gescheitert. Seine Gegenspielerin Antigone (Aysima Ergün) und sein Sohn Haimon ( Skye Macdonald) sind tot.

So endet der kurze „Antigone“-Abend, den Veit Schubert mit seinen Studierenden der HfS Ernst Busch (3. Ausbildungsjahr) einstudierte. Da die Aufführung im Kleinen Haus des Berliner Ensembles stattfand, griff das Team natürlich nicht auf die antike Tragödie des Sophokles zurück, sondern auf die stark gekürzte Überarbeitung des BE-Übervaters Bertolt Brecht. 1947 schrieb er, frisch zurück auf europäischem Boden aus seinem US-Exil, eine Stückfassung, die auf Friedrich Hölderlins Versen basiert und Kreon als Angriffskrieger zeichnet, der nach Rohstoffen und wirtschaftlicher Macht giert.

Vermutlich lag es am strengen Blick von Brechts Erben, die darüber wachen, dass sich ja niemand mit zu vielen eigenen Ideen an den Klassikern abarbeitet, dass sich der Abend kaum Freiheiten nimmt. Hier ein paar eingestreute Songs, dort ein paar akrobatische Einlagen beim Abrutschen über die schräge Grabplatte, die anfangs sehr viele Lücken hat und erst nach und nach festzementiert wird. Dieser Vorgang, der den ganzen Abend leitmotivisch durchzieht, bleibt als stärkstes Bild in Erinnerung.

Spannende Fragen hatten sich die Spieler*innen auf der Webseite vorgenommen: Woran glauben wir so sehr, dass wir bestehende Gesetze brechen wollen und müssen? Welche Gesetze und Systeme kann man heute überhaupt noch verletzten in dieser vermeintlich grenzenlosen und verfügbaren Welt? Wie hoch ist der Preis für Freiheit? Und woher eigentlich kommt unser langanhaltendes Bedürfnis nach Heldinnen und Helden? Daraus hätte ein so spielfreudiger Abend entstehen können, wie er einem Ernst Busch-Vorgänger-Jahrgang und Ursula Werner mit Brechts „Mutter“ im Jahr 2016 im Studio der Schaubühne oder den Kommilitoninnen erst vor einigen Tagen mit ihrer sehr freien „Moby Dick“-Annäherung gelungen ist. Das enge Korsett, in das dieser Brecht-Abend gezwängt ist, lässt die „Antigone des Sophokles“ zu museal wirken: Eingezwängt unter der Grabplatte, die diesen Abend prägte.

Bild: Julian Röder

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