Who is happy in Russia?

Bei Kirill Serebrennikow, dem russischen Multitalent, der auf der Theaterbühne ebenso reüssiert wie im Kino und der Oper, gleicht sowieso kein Abend dem anderen. In seinem fast vierstündigen Triptychon „Who is happy in Russia?“ ähnelt aber nicht mal ein Teil dem nächsten.

Die erste Sequenz könnte man am ehesten mit den Arbeiten von Nicolas Stemann vergleichen: mit Live-Musik und im semiironischen Stil zwischen Performance und Sprechtheater nähert sich der Prolog Nikolai Nekrasows Poem an, dem der Abend seinen Titel verdankt und das russische Schulkinder auswendig lernen mussten, hierzulande aber kaum bekannt ist. Es erzählt von der Zarenzeit, als die Bauern gegen die Leibeigenschaft aufbegehrten. An Stemanns Arbeiten erinnert auch das ebenso hemmungslose wie unmotivierte Gequalme. Sehr plakativ, regelrecht als Wink mit dem Zaunpfahl dominieren rostige Rohre und Stacheldraht auf der Bühne.

Nach der Umbaupause drängt sich ein Frauenchor am Bühnenrand. Im Zentrum der Bühne performen die halbnackten Tänzer eine wunderbar-zappelige Verzweiflungschoreographie mit dem Titel „Drunken Night“, die man am ehesten mit den Inszenierungen von Falk Richter/Nir de Volff vergleichen könnte. Nicht nur, aber ganz besonders im Mittelteil betont Serebrennikow die autoritären Traditionslinien der russischen Geschichte: Weder dem Ende der Leibeigenschaft noch der Oktoberrevolution folgte ein goldenes Zeitalter der Freiheit. Die „Who is happy in Russia?“-Inszenierung des Gogol-Centers studierte Serebrennikow 2015 ein, als sich die Spielräume für Künstler und Intellektuelle in Putins Russland sichtlich verengten. Unter Hausarrest steht Serebrennikow seit 2017.

Der dritte Teil des Abends, „The Feast for All the World“, spielt mit verschiedenen Stilrichtungen und Motiven: Traurige Clowns á la Beckett wechseln sich ab mit Publikums-Mitmachtheater, bei dem Hamburger, die von ihren Glücksmomenten erzählen, gratis Wodka ausgeschenkt bekommen. Der proletarische Schmerz und die unterdrückte Freiheitssehnsucht werden in einer Solonummer von Evgeniya Dobrovolskaya mit solcher Leidensmiene und gebücktem Gang beschworen, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn sich Helene Weigel gleich neben sie beamen und mit ihr gemeinsam den Wagen der Mutter Courage ziehen würde. Mit Hiphop-Beats heizt Alexander Gorchilin ein, feste Größen in Serebrennikows Arbeiten und demnächst als Regie-Debütant mit „Acid“ auf der Berlinale zu Gast.

Die Spieler und Tänzer ziehen mehrere Lagen von T-Shirts über. Auch wenn man die kyrillischen Schriftzeichen nicht entziffern kann, ist die Stoßrichtung der Motive eindeutig: Putin blitzt neben Stalin auf. „KGB is still watching you“ ist kurz zu lesen. Immer wieder leuchtet auch bei den Lessingtagen im Hamburger Thalia Theater der Slogan auf, der natürlich bei keinem Gastspiel des Gogol Centers im Westen seit 2017 fehlen darf: „Free Kirill!“

So endet ein überbordender Abend, der oft Gefahr läuft sich zu verzetteln, es aber doch schafft, seinem Hauptthema auf der Spur zu bleiben: der autoritären Bedrohung von Kunst und Lebensfreude.

Bilder: Ira Polyarnaya

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