Black Maria

Sie haben alle einen „Knacks“, einen „Sprung in der Schüssel“, jammern die fünf Spieler*innen in dieser neuesten Inszenierung von René Pollesch, die am Deutschen Theater Berlin „nur“ in den kleineren Kammerspielen statt auf der repräsentativen großen Bühne gezeigt wird.

Repräsentation ist auch das zweite Stichwort, das an diesem Abend leitmotivisch wiederkehrt: das Lamento über die Selbstverständlichkeit, mit der weiße, heterosexuelle Männer die Norm darstellen, ganz selbstverständlich den Raum beherrschen und „in einem Regime der Überdeutlichkeit“ paradoxerweise den Luxus haben, „unsichtbar“ und „unmarkiert“ zu sein. Diese Versatzstücke aus der Gender-Theorie werden aber nie gründlicher behandelt, es bleibt bei hochtourigen, häufig wiederkehrenden Schnipseln und einem Surfen an der Oberfläche. Der Abend springt schnell zu den nächsten Themen und teilt ein paar Seitenhiebe gegen Bernd Stegemann aus, Dramaturg und neben Sahra Wagenknecht Kopf der umstrittenen „Aufstehen“-Bewegung.

Als Running-Gag zieht sich diesmal auch der „Anschlussfehler“ als Fachbegriff aus der Filmszene durch den Abend. Schon der Titel „Black Maria“ macht klar, dass dieser Abend vor allem eine Hommage an das erste kommerzielle, mit Teerpappe verzierte Studio sein will, das Filmpioniere Ende des 19. Jahrhunderts in New Jersey nutzten.

Weite Strecken des Theaterabends werden live und meist in Schwarz-Weiß-Ästhetik aus dem „Black Maria“-Nachbau übertragen, den Nina von Mechow für diese Aufführung entworfen hat. Mit Perücken und angeklebten Bärten schlüpfen die beiden DT-Ensemble-Mitglieder Benjamin Lillie und Jeremy Mockridge in zahlreiche Rollen, während Astrid Meyerfeldt und Katrin Wichmann über das Wesen der Schauspielerei und die Sichtbarkeit inklusive der üblichen Pollesch-Exkurse philosphieren. Den personifizierten „Anschlussfehler“ mimt Franz Beil, der neben Meyerfeldt der einzige Pollesch-Veteran aus alten Volksbühnen-Zeiten ist. Er wurde in eine Sträflingsuniform gesteckt und erntet für seine improvisierten schrägen Anekdoten, die in keinem Zusammenhang zu den restlichen Dialogen stehen, die Lacher aus dem Publikum und die irritierten Blicke der Kolleg*innen.

Bemerkenswert ist, dass die Spieler*innen diesmal gefühlt noch mehr Textmassen in noch höherem Tempo zu bewältigen haben, als wir dies von Pollesch ohnehin gewohnt sind. Die demonstrativ verqualmte Uraufführung hat zwar die Pollesch-typische Leichtigkeit, in der er mit seinen Diskurs-Schnipseln jongliert, ist aber deutlich leichtgewichtiger als seine besten Abende. Er verliert sich zu sehr in vielen kurz angerissenen Splittern.

Bild: Arno Declair

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