Grâce à Dieu

François Ozon gehört zu den klangvollen Namen des Weltkinos der vergangenen zwei Jahrzehnte und ist regelmäßig im Wettbewerb der A-Festivals zu Gast, zuletzt mit „Der andere Liebhaber“ 2017 in Cannes.

Seine besten Filme liegen allerdings schon eine Weile zurück. Mit der Familien-Groteske „Sitcom“ (1998) mischte er das französische Kino mit jugendlicher Unbekümmertheit auf. Es folgten in schnellem Tempo sehenswerte Filme wie die Fassbinder-Adaption „Tropfen auf heiße Steine“, das Drama „Unter dem Sand“ (beide 2000), die mit einem Starensemble gespickte Komödie „Acht Frauen“ (2002, Silberner Bär für das Darstellerinnen-Ensemble) und das flirrend-surreale „Swimming Pool“ (2003).

Leider reiht sich auch „Grâce à Dieu“ in die Reihe seiner Flops ein. Ozon suchte sich mit dem Missbrauchs-Skandal der katholischen Kirche, der bis heute von manchen Verantwortlichen vertuscht und kleingeredet wird, ein brennend aktuelles Thema aus. Einige seiner Protagonist*innen, die er in seinem auf wahren Begebenheiten basierenden Film porträtiert, müssen sich in laufenden Verfahren vor Gericht verantworten.

Der mit 136 Minuten ein gutes Stück zu lang geratene Film gleicht über weite Strecken einem bebilderten Leitartikel. Die zahlreichen Briefe, die sich die Beteiligten gegenseitig schreiben, werden aus dem Off vorgelesen, zu oft ergehen sich die Figuren in bedeutungsschweren Dialogen, die steif und papieren wirken.

Alexandre Guérin (gespielt von Melvil Pompaud) bringt einen Stein ins Rollen: er erfährt, dass der katholischer Priester, der ihn bei einem Pfadfinderlager und anschließend über Jahre hinweg missbraucht hat, immer noch im Dienst ist. Die über Jahrzehnte übliche Praxis der katholischen Kirche war, ihn einfach still und leise an einen anderen Ort zu versetzen. Um ihn schart sich eine Gruppe von Aktivisten, die alle Opfer desselben Pfarrers wurden, und die sich vor allem über Kardinal Philippe Barbarin (gespielt von François Marthouret) empören, gegen den am 7. Januar 2019 ein Strafprozess wegen Vertuschung sexuellen Missbrauchs eingeleitet wurde.

„Grâce à Dieu“ behandelt sein brandaktuelles Thema leider auf eine ästhetisch unbefriedigende Weise und ist somit eine der Enttäuschungen des Wettbewerbs der 69. Berlinale. Zum Glück sind auch zwei stärkere Filme aus dem Frühwerk von Ozon auf der Berlinale wiederzuerleben: „Unter dem Sand“ und „Swimming Pool“ laufen in der Hommage an Charlotte Rampling, die den Goldenen Ehrenbären bekommt.

Das neue Werk von Ozon ist zwar kein guter, aber ein hochaktueller und auch thematisch wichtiger Film. Zum Abschluss wurde er mit dem Großen Preis der Jury (einem Silbernen Bären) ausgezeichnet.

Bild: © Jean-Claude Moireau

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