So long, my son

Einer der Kritikerlieblinge im Berlinale-Wettbewerb war „So long, my son“ (Originaltitel: „Di jiu tian chang“), der in epischen drei Stunden die tragischen Verstrickungen zweier Familien in der chinesischen Provinz schildert.

Bleischwer lasten die Schuld und das Schweigen auf allen Beteiligten, der Film ächzt noch zusätzlich unter seiner verschachtelten Struktur. Damit verlangt er seinem Publikum einiges ab. Es ist ratsam, sich vorab über den Plot zu informieren, um zwischen den Zeitsprüngen und Andeutungen nicht den Überblick zu verlieren. Die ganze Wahrheit tritt erst mit einem Geständnis kurz vor Schluss zu Tage.

Bemerkenswert ist der Film von Wang Xiaoshuai auch wegen seines politischen Muts. Sehr explizit nimmt er zu einigen heißen Eisen der chinesischen Politik Stellung. Insbesondere arbeitet sich „So long, my son“ an der „Ein-Kind-Doktrin“ ab, die jahrezehntelang rigoros durchgesetzt und erst 2015 offiziell abgeschafft wurde. Sie ist auch ein wesentliches Scharnier der Familientragödie, die das Unglück der Protagonist*innen verschärft.

„So long, my son“ zieht ein wenig schmeichelhaftes Fazit von Maos Kulturrevolution und arbeitet beiläufig, aber sehr pointiert die Schattenseiten von Kommerzialisierung und Turbo-Kapitalismus heraus. Wenn es einen Bären für politische Courage geben würde, wäre der chinesische Film angesichts der empfindlicher werdenden Zensur (Zhang Yimous kurzfristig ais „technischen Gründen“ aus dem Wettbewerb genommener „Yi miao zhong“ lässt grüßen!) der Top-Kandidat.

Stattdessen zeichnete die Jury die beiden Hauptdarsteller*innen dieses etwas zu tränenreichen Polit-Melodrams mit Silbernen Bären aus: Wang Jingchun und Yong Mei als traumatisierte Eltern, die den Schmerz über einen Verlust mit einer Adoption betäuben.

Bild: © Li Tienan / Dongchun Films

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