Fabian. Die Geschichte eines Moralisten

Überraschend an dieser neuen Inszenierung von Alexander Riemenschneider sind die grellen Farben. Die Box des Deutschen Theaters Berlin ist ganz in knalliges Orange getaucht, auf der Rückwand hat Johanna Pfau Wortfetzen aus Comics wie „AUTSCH“ und „YEAH“ angebracht.

Das ist ein deutlicher Kontrast zu seinen beiden letzten Abenden in der Box: Beim minimalistischen „Transit“ saß Thorsten Hierse auf einem schlichten Stuhl, Wiebke Mollenhauer huschte schemenhaft über die Bühne. Melancholisch-leise war auch die Grundstimmung in „Das Mädchen mit dem Fingerhut“, damals zitierte Riemenschneider das traditionelle japanische Nō-Theater.

Comichaft wie die Bühnen-Rückwand sind diesmal auch die Kostüme der drei Spieler*innen: Thorsten Hierse, Božidar Kocevski und Birgit Unterweger sehen mit ihrem Zebrastreifen-Look und ihren dicken Augenringen aus Glitzer-Makeup aus wie traurige Clowns. Während Hierse spricht, gestikulieren die anderen beiden überdeutlich mit schlenkernden Armen und weit aufgerissenen Augen und Mündern.

Eine Konstante in Riemenschneiders Inszenierungen ist, dass sie vom Livemusiker Tobias Vethake untermalt werden. Der Soundteppich tröpfelt im Hintergrund mit und schwillt immer dann an, wenn die Hauptfigur Jakob Fabian, ein promovierter Germanist, der sich als Werbetexter durchschlägt, rastlos durch das Berlin der ihrem Untergang entgegentaumelnden Weimarer Republik driftet.

Erich Kästner schrieb seinen Roman „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ als Appell an seine Zeitgenoss*innen, die auf dem Vulkan tanzten und taumelten. Mit seiner Mahnung konnte er bekanntlich wenig ausrichten: Die Demokratie ging unter und „Fabian“ gehörte zu den ersten von den Nazis verbrannten Büchern.

Desillusioniert wird auch die Roman-Figur: Fabian (Hierse) darf nur kurz vom Glück mit Cornelia (Unterweger) träumen. Die Comic-Ästhetik im Hintergrund weicht für einige Szenen einem ironischen Kitsch-Overkill aus blauem Himmel und buntem Konfettiregen. Nach zwei Schicksalsschlägen zieht sich Fabian von Berlin nach Dresden zurück: seine Freundin verkauft sich für ihre Filmkarriere auf der Besetzungscouch, sein Freund Labude (Kocevski) begeht Suizid, da er auf den bösen Scherz eines Uni-Assistenten hereinfällt, dass seine herausragende Habilitation angeblich völlig misslungen ist. Mit Fabians Ertrinken beim Versuch, ein Kind zu retten, enden sowohl Erich Kästners Roman als auch die solide Adaption in der Box des Deutschen Theaters.

Bild: Arno Declair

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.