Westler/Wir/Brecht

Drei Kurzkritiken zu Filmen aus dieser Woche

Westler: gut gealtertes Drama

Unter konspirativen Umständen mit wackliger Handkamera filmte Ivan Kocman 1985 Alltagsszenen im Ost-Teil des geteilten Berlins. Mit viel Glück überstand das Team ein Stasi-Verhör, bei dem sie sich als harmlose West-Touristen ausgaben.

Wieland Speck erzählt in seinem von autobiographischen Erlebnissen inspirierten Debütfilm die Geschichte einer fast unmöglichen Liebe. Felix (Sigurd Rachman) aus West-Berlin lernt bei einem Sightseeing-Trip mit einem amerikanischen Bekannten am Alexanderplatz den etwa gleichaltrigen Thomas (Rainer Strecker) kennen.

Heute würde man einfach Handynummern austauschen. Damals stand dem Liebespaar aber nicht nur die noch nicht so fortgeschrittene Technik mit Wählscheibentelefon im Weg, sondern vor allem die Berliner Mauer. Felix kann nur einmal pro Woche für wenige Stunden aus Schöneberg in den Prenzlauer Berg kommen: Zwangsumtausch und demütigende Kontrollen am Bahnhof Friedrichstraße inklusive.

Wieland Speck zeigt mir großer Sensibilität die Liebesgeschichte zwischen den beiden Jungs, deren Ende bewusst offen bleibt, und schuf zugleich ein wertvolles Dokument deutsch-deutscher Zeitgeschichte.

Am Montag präsentierte Wieland Speck, der die Leitung des Panoramas der Berlinale nach fast zwei Jahrzehnten abgegeben hat, gemeinsam mit Weggefährt*innen wie Zazie de Paris eine restaurierte Kopie seines Films „Westler“, der damals vom „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF koproduziert wurde. Der Film wird auch im Rahmen der Retrospektive „Berlin Acht Neu(n) Null – 30 Jahre Mauerfall“ beim „achtung berlin“-Festival laufen.

Wir/Us: Zombie-Horror von Jordan Peele

Nach seinem Überraschungshit „Get out“ wurde der zweite Film von Jordan Peele mit Spannung erwartet. Anspielungsreich verwurstet er darin zahlreiche Referenzen an B-Movies und Zombie-Filme, woran vor allem Kenner*innen des Genres ihre Freude haben werden. Er jongliert außerdem mit Anspielungen auf die Pop-Kultur der 80er und 90er Jahre und Klassiker wie „Alice im Wunderland“ oder „Funny Games“ von Michael Haneke.

Dieses Geflecht aus Zitaten und Gimmicks legt immer wieder falsche Fährten, beginnt mit dem Kindheitstrauma eines kleinen Mädchens in einer Freizeit-Park-Geisterbahn im Jahr 1986 und springt dann jäh in die Gegenwart, in der die mittlerweile erwachsene Frau (gespielt von Lupita Nyong´o) und ihre Familie aus ihrer Urlaubs-Idylle gerissen wird. Die schwarze Mittelschichtsfamilie erhält unerwarteten Besuch von Doppelgänger*innen, die mit Scheren bewaffnet sind und in ihr Ferienhaus eindringen.

Sie sind die Vorhut einer ganzen Armada von in rote Guantánamo-Overalls gehüllten Doppelgänger-Zombies, die nicht nur Familie Wilson terrorisieren, sondern auch die Nachbarn (Elisabeth Moss in einer kleinen Rolle als neureiche Nervensäge) und schließlich die ganze Nation heimsuchen.

„Wir/Us“ funktioniert als solider, spannungsgeladener Genre-Film. Die zu vielen Deutungen und Assoziationen einladenden Referenzen sperren sich gegen eine so klare, anti-rassistische Deutung wie beim Vorgänger-Film. Bemerkenswert wird der Film durch seine vielen kleinen Gags (z.B. die an „Alexa“ erinnernde Ophelia) und vor allem durch den finalen Twist mit dem bösen Grinsen von Hauptdarstellerin Lupita Nyong´o, das in Erinnerung bleibt.

Brecht: banales Doku-Drama

Heinrich Breloer präsentierte sein Doku-Drama „Brecht“ bereits im Februar als Berlinale Special auf dem Roten Teppich. arte und die ARD zeigten den insgesamt dreistündigen Zweiteiler mit großem Marketing-Aufwand auf einem prominenten Sendeplatz. Dennoch ist der „Brecht“-Film eine Enttäuschung.

Bertolt Brecht wird in diesem sich zäh und ohne Spannungsbogen dahinschleppenden, brav Stationen abhakenden Film verzwergt. Den Dichter und sein Werk lernt das Publikum nicht näher kennen, stattdessen fokussiert sich der Film auf die hinlänglich bekannten Liebesaffären von Brecht. Die Hauptrolle wird auf zwei Schauspieler aufgeteilt: als junger Brecht ist der begabte Tom Schilling ein blasser Totalausfall, den alten Brecht spielt Burghart Klaußner als Choleriker. Aber auch ihm gelingt es nicht, Eindruck zu hinterlassen. Einziger Lichtblick einer schwachen Produktion ist die Österreicherin Adele Neuhauser als Helene Weigel.

Vorschaubild aus „Wir“: © Universal Pictures, Bild aus „Westler“: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.