Die Umsiedlerin

Dieses Auftragswerk hat 1961 unmittelbar nach dem Mauerbau Theatergeschichte geschrieben: „Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande“ zeigte die Schattenseiten der mit großen Hoffnungen gestarteten Bodenreform, die in der Zwangskollektivierung endete, derart unverblümt, dass Heiner Müllers Stück sofort nach der Premiere als „konterrevolutionär“ gebrandmarkt und verschwand im Giftschrank.

Die jungen Studenten, die in dieser Inszenierung spielten, mussten Selbstkritik üben. Heiner Müller wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und war für einige Jahre völlig isoliert. Noch schlimme erging es dem Uraufführungs-Regisseur B. K. Tragelehn: er wurde aus der SED ausgeschlossen und zur „Bewährung in der Produktion“ im Braunkohletagebau strafversetzt.

In den Geschichsbüchern und Archiven ist nachzulesen, dass „Die Umsiedlerin“ unter dem Titel „Die Bauern“ erst 1975 an der Volksbühne in Fritz Marquardts Regie wiederaufgeführt wurde, zehn Jahre später durfte Tragelehn das Stück in Dresden inszenieren. Seit dem Mauerfall wird es kaum noch gespielt.

Jahrzehnte nach dem damaligen Skandal grub das Deutsche Theater Berlin sein Auftragswerk wieder aus. Jürgen Kuttner, der eloquente Radio-Moderator und Schnipsel-Conferencier, ist prädestiniert für einen so geschichtsträchtigen Stoff. Leider macht er im bewährten Regie-Duo mit Tom Kühnel nichts daraus.

Der Theaterskandal und all die Wogen, die das Stück damals schlug, werden in „Die Umsiedlerin“ in den DT-Kammerspielen nicht thematisiert. Mit einem rote Fahnen schwenkenden Chor, ironisch eingesetzten Schlagern aus Ost und West und mit einem Intro, das die viel zu euphorischen Zukunftsprognosen aus den 1960er Jahren über technologische Fortschritte referiert, beginnt der Abend vielversprechend. Kuttner/Kühnel bieten aber nur einen zähen Aufguss des alten Stoffes, über dessen damals brisante Konflikte die Zeit zum Glück längst hinweggegangen ist.

Wie ein Fremdkörper wirkt Frank Büttner, dessen Stimm-Organ aus langen Castorf-Schlachten gestählt ist und der hier mehrmals losbrüllen darf. So begabte Spieler*innen wie Bernd Stempel und Linda Pöppel bleiben blass. Die Studierenden der UdK werden im Chor oder als weiße Gewänder tragende Statistinnen eingesetzt. Almut Zilcher bekommt einen großen Monolog, der aber mit der „Umsiedlerin“ nichts zu tun hat, sondern aus „Mommsens Block“, einem Spätwerk von Müller, stammt. Ähnlich unmotiviert wird auch ein Interview mit Rainer Werner Fassbinder eingespielt, der genervt auf die Fragen seines Gesprächspartners reagiert. Am interessantesten ist noch der Effekt, als Müllers O-Ton aus einer Lesung – wie in Kuttners/Kühnels „Der Auftrag“-Inszenierung – eingespielt wurde und Almut Zilcher damit in Dialog trat.

Nach 135 pausenlosen Minuten endet dieser enttäuschende Abend, der uns weder die damaligen Konflikte näherbrachte und bis auf einige übertriebene Slapstick-Szenen von Paul Grill auch kaum Unterhaltungswert hatte.

Bilder: Arno Declair

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