Othello

Den Rassismus stellt Bernd Stegemann in seinem Programmheft in den Mittelpunkt: mit Beiträgen von Achille Mbembe und Frantz Fanon führt er auf die berühmte Tragödie des Generals Othello hin, der durch eine Intrige von Jago zum Mörder an Eifersucht wird.

Auf der düsteren Bühne von Olaf Altmann tritt zunächst das Liebespaar nach vorne an die Rampe: Ingo Hülsmann (mit rotem Kunstblut verschmiert) als Othello und Sina Martens (mit weißer Farbe bemalt) performen eine Liebesszene voller Gewalt und Leidenschaft, während im Hintergrund das Schlagzeug von Ludwig Wandinger wummert.

Ein Chor, der sich weiße Laken mit runden Öffnungen für Münder und Augen über die Köpfe gezogen hat, betritt die Szene. Die Anmutung changiert zwischen Halloween-Grusel und Ku-Klux-Klan und ist auch bereits ein deutlicher Wink mit dem Zaunpfahl auf das Taschentuch, das im Lauf von Shakespeares Drama bekanntlich eine sehr verhängnisvolle Rolle spielt. Aus diesem Chor schält sich Peter Moltzen als Jago heraus und nimmt seine Maske als erster ab.

Wie von Thalheimer gewohnt sind aus seiner Sicht unnötige Nebenfiguren kurzerhand gestrichen. Trotzdem zieht sich die Tragödie vor allem am Ende der knapp zwei Stunden doch ziemlich in die Länge.

Hülsmann gibt den Othello als schneidigen General und übertreibt es in seinem schnarrenden Kommandoton manchmal so sehr, dass er einige Lacher erntet. Ihm gegenüber steht Moltzen als ein wendiger, schwer zu fassender Jago, der ihn mit seinen subtilen Einflüsterungen lenkt. Auf das Duell dieser beiden spitzt Thalheimer den Abend zu. Der Aspekt des Rassismus als mögliches Motiv für Jagos Intrige, das vor allem in der neueren Shakespeare-Forschung stark diskutiert wird, gerät im Lauf des Abends ebenso wie der Chor in den Hintergrund.

Als Cassio gerät Nico Holonics wie schon öfter in die Gefahr, es mit Gefühlsausbrüchen und Exaltiertheit etwas zu übertreiben. Kathrin Wehlisch, die im „Macbeth“ noch glänzte, hat als Emilia diesmal nur eine Nebenrolle. Auch Sina Martens hat in der klassischen Opferrolle der Desdemona diesmal eine undankbare Aufgabe.

Nach knapp zwei Stunden sind schließlich fast alle Figuren erdrosselt oder erstochen und zu einem Leichenberg im Zentrum der Bühne gruppiert, die sich langsam dreht, während die restlichen Spieler stumm und bedeutungsschswer zu Percussion-Klängen in die Ferne starren.

Fazit: Eine typische Thalheimer-Inszenierung voller Farbe, Kunstblut, Leichen und Klanggewitter, die für alle, die den Regisseur und seine Arbeit schon länger verfolgen, kaum Überraschendes bietet.

Bilder: Katrin Ribbe

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