Yung Faust

Julia Riedler ist sichtlich durch den Wind. Sie schiebt den Vorhang zur Seite und rezitiert mit aufgerissenen Augen und weit heraushängender Zunge die berühmten Verse von den „schwankenden Gestalten“, die sich wieder nahen, von den „zwei Seelen, ach, in ihrer Brust“ und all den Fachrichtungen, die sie studiert hat mit „heißem Bemühen“.

Als der Vorhang zur Seite geschoben wird, tauchen auch ihre Mitspieler*innen auf: Annette Paulmann in schwarzer Bomberjacke, Benjamin Radjaipour ganz in Weiß und am Keyboard Johannes Rieder als Hipster wie aus dem Bilderbuch.

In der kommenden Stunde liefern sie in der Kammer 2 einen Freestyle-Abend mit dem Best-of aus Goethes „Faust“, der viele Oberstufen-Kurse, die sich durch diesen Klassiker aller Klassiker quälen, gut unterhalten dürfte. „Yung Faust“ hat den Charme improvisierten Off-Theaters. Die Spieler*innen schlendern durch die Reihen und quatschen das Publikum an, schlittern bäuchlings durch die Pfützen, die der schöne Springbrunnen im Zentrum der Bühne verursacht, und halten immer in der Schwebe, wer nun gerade Faust, Mephisto und Gretchen. Die Liebesszene zwischen Gretchen und ihrem Faust wird natürlich geschlechterverkehrt gespielt: Hier ist es Paulmann, die ihren jüngeren Kollegen Radjaipour doggystyle rannimmt.

Am besten ist der Abend der jungen Regisseurin Leonie Böhm, wenn er auf die Musik vertraut. Statt des Cloud-Raps, den der Titel in einer Hommage an eine österreichische Szenegröße andeutet, dominiert sanfter Indie-Pop wie in dem tollen „No ordinary love“-Solo von Radjaipour. Insgesamt ist „Yung Faust“ aber oft zu albern und leichtgewichtig: eine „Fingerübung“, wie Christoph Leibold im Bayerischen Rundfunk treffend kommentierte, bei der Abiturklassen eine Stunde lang ihren Frust über den angestaubten Goethe-Klassiker vergessen können und der Rest des Publikums mehr oder weniger gut unterhalten wird.

Bilder: Julian Baumann

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