A invenção de maldade/Fúria

Opposition und Kunstszene Brasiliens sind in Unruhe. Nach dem Wahlsieg von Jair Bolsonaro, einem misogynen, homophoben, rassistischen und die Militärdiktatur verherrlichenden Demagogen vom rechten Rand, befürchten sie Schreckliches.

In dieser Woche sind zwei neue Choreographien im Hebbel am Ufer zu sehen, die unabhängig voneinander entstanden sind, aber sehr gut miteinander korrespondieren. Beide knapp einstündigen Arbeiten verbindet ihre aufgewühlte Energie, mit der sie von düsteren Zukunftsaussichten, Gewaltausbrüchen und der Bedrohung humanistischer Errungenschaften erzählen.

Sowohl „A invenção de maldade“ („Die Erfindung der Boshaftigkeit“) von Marcelo Evelin/Demolition Incorporada als auch „Furía“ („Wut“) von Lia Rodrigues kommen fast ohne Worte bis auf Murmeln und tranceartige Beschwörungsformeln aus. Sie überzeugen durch starke Bilder, Sinnlichkeit und Energie, unverzichtbare Elemente lebendigen, zeitgenössischen Theaters und Tanzes. Eine Adrenalinspritze wie diese Gastspiele im Hebbel am Ufer würde auch der 10er-Auswahl des Theatertreffens sehr gut tun, die bisher mit vielen alten Bekannten aus dem Theaterbetrieb, banalen Soap-Kopien, langatmigen Promi-Slapsticks und Nebelwand-Spielereien von Marthaler-Epigonen im Dornröschenschlaf vor sich hin dämmert.

Evelin, der 1986 nach Europa zog und erst seit 2006 wieder in Brasilien lebt und arbeitet, beginnt seine „Erfindung der Boshaftigkeit“ mit wie zu Salzsäulen erstarrten Tänzer*innen. Im Mittelpunkt steht eine hexenartige Figur, die mit ihrer Wünschelrute den Kreis mehrfach abschreitet, bis das Ensemble zum Leben erweckt wird. Sie versammeln sich zu einem exorzistischen Ritual: Beigleitet von Percussion-Beats und Klangschalen an der Decke springen sie um einen Scheiterhaufen. Anspielungen auf Hexenwahn und Verfolgung im Mittelalter sind in dieser Choreographie allgegenwärtig, die in ein Knäuel übereinander herfallender Körper mündet. Das Knäuel der Tänzer*innen wogt über die Bühne, verhakt sich unter wütenden Schreien immer wieder neu ineinander und ist zu friedlichem Zusammenleben längst nicht mehr in der Lage. Als „Aufschrei der Körperlichkeit“ bezeichnet der Programmzettel diese pessimistischen Szenen und Bilder treffend.

Einen Schritt weiter geht Lia Rodrigues in „Furía“: hier liegt bereits alles in Trümmern und Fetzen. Ein Trauermarsch bahnt sich seinen Weg über Gerümpel, Säcke und Stoffberge. Immer wieder scheren einzelne Ensemble-Mitglieder aus und deuten Gewalt und Demütigungen an. Sie zerren sich gegenseitig über die Bühne, benutzen sich als Last- und Reittiere, während die Prozession unbeirrt weiterzieht, in die sie sich später einreihen.

Es ist den Tänzer*innen hoch anzurechnen, dass sie sich von der Zuschauerin am rechten Rand der ersten Reihe nicht aus der Konzentration bringen lassen, die mehrfach mit hell erleuchtetem Display rücksichtslos filmt. Die Choreographie endet mit Protestplakaten gegen Polizeigewalt und staatliche Willkür, die das Ensemble zum Schlussapplaus hochhält.

Heute Abend wird das doppelte Gastspiel mit einer simultan Portugiesisch/Deutsch übersetzten Diskussion zum Thema „Brasilien: Die Entstehung eines neuen Widerstands“ abgeschlossen. 

Bild 1 und 4: Sammi Landweer, Bild 2 und 3: Mauricio Pokemon

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