Dionysos Stadt beim tt: Zweiter Blick

Der Antiken-Marathon „Dionysos Stadt“ war für dieses Theatertreffen quasi gesetzt. Die Kraftanstrengung, mit der Regisseur Christopher Rüping, die verschiedenen Abteilungen der Münchner Kammerspiele und die starken Schauspieler*innen ein fast zehnstündiges Event auf die Bühne wuchten, ist schon für sich genommen bemerkenswert.

Auch sonst hat der sehr, sehr lange Theater-Tag einiges zu bieten, das ihn aus dem bisher recht enttäuschenden Theatertreffen-Jahrgang 2019 hervorhebt und zum „Bergfest“ ein erstes Ausrufezeichen setzt. Hier ist natürlich zu nennen, wie Christopher Rüping mit verschiedenen Theatermitteln spielt. Vor allem aber sein Ensemble, das man als die Rüping-Familie bezeichnen könnte: Spieler*innen, die nur zum Teil fest an den Münchner Kammerspielen engagiert sind und seit Jahren regelmäßig mit ihm zusammenarbeiten. Durch die Bank zeichnen sie sich durch große, hemmungslose, fast kindlich wirkende Spielfreude aus, die vor allem im 3. Teil der „Orestie“ im Soap-Opera-Stil zum Tragen kommt.

Star des Marathons ist Nils Kahnwald, Posterboy der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Theater heute“. Als Zeremonienmeister führt er in die zehn Stunden ein und gibt mit Comedy-Einlagen, Stage-Diving und Nackt-Party richtig Gas.

Auch in Berlin gab es am Ende Standing Ovations. Schon zu Beginn blieben einige Plätze leer, die meisten Besucher*innen blieben allerdings bis zum Schluss. Beim zweiten Blick auf „Dionysos Stadt“ wird allerdings noch deutlicher, wo die Schwächen des Abends liegen: Zu oft rettet er sich in alte, aus der Kleinkunst geklaute Witze wie Rainald Grebes „Raucherampel“, die dazu führt, dass die Bühne trotz Aschenbecher bald im Kippenmüll versinkt. Kleine Gags wie die Schaf-Felle, unter denen die Spieler*innen im ersten Teil über die Bühne kriechen, werden aus den hinteren Reihen mit sehr gekünstelt wirkendem Giggeln bedacht, das nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass „Dionysos Stadt“ einige Längen hat.

Am besten funktioniert Christopher Rüpings Inszenierung als Event, als großes Gemeinschaftserlebnis, als Hommage an die antiken, mehrere Tage dauernden Dionysien. Schon jetzt ist die bislang einzige Nachtvorstellung an den Münchner Kammerspielen legendär. Der Regisseur plauderte in einem rbb-Interview über die ausufernde Party. Davon war das gestrige Berliner Gastspiel weit entfernt: Beim Stage-Diving kam es beinahe zum Absturz des sichtlich besorgten Nils Kahnwald. Das Unterhaltsamste an der Party-Szene war sein „Warum kommt denn hier niemand zu mir auf die Bühne?“-Blick. Auch als sich die Bühne langsam füllte, ähnelte die Party atmosphärisch eher einem Stehempfang beim Zigarettenverband mit sehr begrenzten Ouzo-Vorräten, in die sich ein Aktmodel verirrt hat.

Beim zweiten Blick auf „Dionysos Stadt“ bleibt festzuhalten: in einem schwachen Jahrgang ist dieser Marathon einer der Lichtblicke. Aber richtig zur Geltung kommt der Abend erst, wenn alle Rahmenbedingungen stimmen und Matthias Lilienthal die Ampel wieder auf Grün für ein Nacht-Event an den Münchner Kammerspielen stellt. Das Haus der Berliner Festspiele ist fast doppelt so groß wie die Kammer 1, so dass die Intimität dieses Gruppen-Ereignisses zwangsläufig etwas verloren geht. „Dionysos Stadt“ braucht unbedingt den engen Kontakt zwischen Schauspieler*innen und dem Publikum direkt an der Rampe. Auch das Bühnenbild kommt auf der zu überdimensionierten Gastspiel-Bühne weniger zur Geltung als am Original-Spielort.

Bild: Julian Baumann

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