Erniedrigte und Beleidigte

In seinen besten Momenten öffnet sich Sebastian Hartmanns Adaption „Erniedrigte und Beleidigte“ hin zum Tanz. Dann verstummen die nervtötenden Sprachfetzen kurz, die Hartmann im Stil seines Lehrers Frank Castorf aus Dostojewskis Roman herausdestilliert hat. In epileptischen Zuckungen wälzen sich die Spieler*innen am Boden, während im Hintergrund Tilo Baumgärtel an seinem überdimensionalen Bild malt.

Wie von Castorf gewohnt, der diesen Roman 2001 als Koproduktion der Wiener Festwochen und der Berliner Volksbühne inszenierte, hat man auch bei Hartmann keine realistische Chance, den Handlungsbruchstücken über die Liebeswirren der feudalen Sankt Petersburger Gesellschaft zu folgen. Um Stimmungen, Assoziationen und Eindrücke geht es Hartmann. Aber statt starker Bilder und Sounds sind die pausenlosen knapp drei Stunden über weite Strecken ein zermürbender, wirrer Strom. Statt eines überzeugenden Gesamtkunstwerks bietet Hartmann nur Skizzenhaftes.

Auf einer zweiten Ebene hat Hartmann seine Dostojewski-Fragmente mit der Hamburger Poetik-Vorlesung von Wolfram Lotz überschrieben. Yassin Trabelsi bricht in die improvisierten Szenen seiner Mitspieler*innen ein und trägt die Thesen sehr engagiert vor: „Nix Idee, nix Meinung zu irgendwas, nix interessanter Gedanke, nix psychologisches Problem, sondern Sound“. Auf der Dostojewski-Ebene kommen die „Erniedrigten und Beleidigten“ aber kaum über die bekannte Castorf-Ästhetik ausufernder Textpassagen, die im Nichts versanden, hinaus. Mit seinem Epigonentum geht Hartmann sehr selbstironisch um: Viktor Tremmel wirft diesen Vorwurf als Wutbürger mit Wiener Schmäh kurz vor Schluss in die Runde und provoziert seine Mitspieler*innen damit, dass man all das vor zwanzig Jahren von einem Herrn aus Berlin schon viel besser gesehen habe.

Bemerkenswert ist die fiebrige Energie, mit der sich Moritz Kienemann in die Rolle des Romanerzählers Wanja wirft. Mit seinen nervösen Zuckungen transportiert er die Dostojewski-typische „Nadryw“-Grundstimmung, die Castorf so oft beschworen hat, ähnlich gut wie Volksbühnen-Vorbilder. Da er auch in der zweiten Dresdner Inszenierung „Das große Heft“ mit einem zentralen Part überzeugt, ist er der heißeste Anwärter auf den Alfred Kerr-Darstellerpreis, den Franz Rogowski am Ende des Festivals vergeben wird.

Bild: Sebastian Hoppe

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