Mitwisser

Die braven Bürger, die angeblich nichts vom Holocaust mitbekommen haben wollen, tauchen in der anspielungsreichen Textwüste „Mitwisser“ von Enis Maci an einigen Stellen auch kurz auf. Regisseur Pedro Martins Beja spielt dazu Dokumentaraufnahmen von der Befreiung des KZs Buchenwald.

So klare Bezüge zum Titel wird man ansonsten vergeblich suchen: zu konturlos und beliebig sind Motive aneinandergereiht. Drei Kriminalfälle stehen im Mittelpunkt von Enis Macis Text. Aber auch sie verbindet fast nichts: nur dass sie sehr unterschiedliche Facetten von Gewalt spiegeln. 

Der ausufernde Text kreist um den Teenager Tyler Hadley, der in einem Rentnerparadies in Florida aufwuchs und seine Eltern ermordete, bevor er seine Whatsapp-Kontakte zur Party in die sturmfreie Bude einlud, um die junge Türkin Nevin Yildirim, die nach einer Vergewaltigung Selbstjustiz übt und um Nils Donath aus Dinslaken, der sich wie erstaunlich viele Jugendliche aus der westfälischen Kleinstadt dem IS anschloss. Vor allem in der zweiten Hälfte mixt Maci noch Handlungsstränge aus der Orestie dazwischen. Allzu willkürlich wirkt es, wie sie plötzlich Klytämnestra und Orest in ihre Assoziationen schmuggelt.

Immerhin erleben wir ein starkes Schlussbild: mit ausgestochenen Augen räsonieren die fünf Spieler*innen über Reizüberflutung und Videorauschen im World Wide Web. Ratlos endet der Abend.

Gastspiel Schauspielhaus Wien Mitwisser von Enis Maci Regie: Pedro Martins Beja Bühne / Kostüme: Elisabeth Weiß Musik: Markus Steinkellner Dramaturgie: Tobias Schuster

Uraufführungs-Regisseur Pedro Martins Beja und das Ensemble des Schauspielhauses Wien halfen sich damit, dass sie den konturlosen Wortschwall und Motivbrei, der wie Nachtkritik zurecht kritisierte „vom Ästchen aufs Stöckchen“ springt, so konventionell mit chorischem Sprechen inszenierten, wie wir es in ähnlichen Fällen schon zu oft gesehen haben.

Der Abend reißt so viele Themen und Motive an, dass er nie in Gefahr gerät, auch nur einen einzigen Gedanken präzisieren zu müssen. In seiner Banalität hinterlässt „Mitwisser“ vor allem Langeweile und die Frage, warum das Stück sowohl zu den Mülheimer Theatertagen als auch zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen wurde.

Bilder: Matthias Heschl

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