Die Revolution frisst ihre Kinder

Unruhe macht sich breit im Deutschen Theater Berlin, als die Intendantin des Schauspielhauses Graz vor die Bühne tritt und verkündet: Es tue ihr sehr leid, aber das heutige Gastspiel bei den Autorentheatertagen könne nicht stattfinden. Die Schauspieler*innen seien in Afrika verschwunden und nicht mehr zu erreichen. Da sie es ihrem Kollegen Ulrich Khuon nicht antun könne, das Publikum wieder nach Hause zu schicken, gebe es jetzt eine Solo-Abend von Florian Köhler, der „Dantons Tod“ mit Musik von den „Doors“ kombiniere. Tatsächlich legt Köhler mit Passagen von Georg Büchner und Songs von Jim Morrison los.

Das ist allerdings die erste von zahlreichen Finten dieses ungewöhnlichen Abends, den Jan-Christoph Gockel für das Schauspielhaus Graz produzierte: Nicht Iris Laufenberg, die in Berlin als langjährige Leiterin des Theatertreffens bestens bekannt ist und das Schauspielhaus Graz seit 2015 leitet, machte diese Ansage, sondern die Schauspielerin Evamaria Salcher. In der Theaterbetriebssatire, zu der sich „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ in der ersten Hälfte entwickelt, gibt sie eine ruhmsüchtige Theaterleiterin, die nach einem Bundesländer-Nestroy für „Auftrag. Dantons Tod“ nun unbedingt die Einladung in die 10er Auswahl des Theatertreffens schaffen will. Dafür engagiert sie eine exzentrische Regisseurin (verkörpert von Julia Gräfner), die einen Trip des Ensembles nach Afrika durchsetzt: Genau das Richtige, um die Jury des Theatertreffens zu beeindrucken, hofft die Intendantin. Der ewige Wasserträger aus der zweiten Reihe (gespielt von Raphael Muff) träumt davon, auch endlich im Rampenlicht zu stehen. Mit kurzen Schlaglichtern karikiert der Abend prototypische Charaktere der Theaterszene und Proben-Situationen.

In der zweiten Hälfte geht der hybride, geschickt mit mehreren Ebenen spielende Abend weit über die Betriebssatire hinaus und mixt Fake-Dokumentation mit Puppenspiel, Aufarbeitung jüngster Zeitgeschichte mit einer Hommage an Christoph Schlingensief, politische Bildung mit Unterhaltung. Wie Wolfgang Kraliczek in der Süddeutschen Zeitung schrieb, scheitert dieser Versuch, die verschiedenen Ebenen zu verzahnen, auf hohem Niveau: „Man weiß manchmal nicht mehr so genau, worum es jetzt eigentlich geht. Aber meistens ist es vergnüglich und anregend, dabei zuzusehen.“

Um halbwegs den Überblick zu behalten, sollte man wissen, dass der zweite Auslöser für „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ neben der bereits erwähnten, tatsächlich existierenden „Auftrag. Dantons Tod“-Inszenierung von Jan-Christoph Gockel eine frühere Arbeit dieses Regisseurs war, die er in Ougadougou erarbeitete. 2014 war er gerade mitten in den Endproben für ein Stück über den Rohstoff Coltan, als die Revolution in Burkina Faso begann und die Premiere verschoben werden musste. Als Zaungast beobachtete er faszniert, wie die Menschen den autokratischen Herrscher Blaise Compaoré, der 27 Jahre zuvor nach dem nicht restlos aufgeklärten Mord am charismatischen Volkshelden Thomas Sankara an die Macht gekommen war, tanzend, mit Besen und Kochtöpfen ins Exil vertrieben.

Mit den Puppen dieser beiden Politiker von Michael Pietsch, einem langjährigen Partner von Gockels Inszenierungen, macht sich das Grazer Ensemble auf Spurensuche im heutigen Burkina Faso. Sie befragen Passant*innen nach ihren Erinnerungen, konfrontieren sie mit den beiden Köpfen. Aus diesem Material entstand nicht nur der Theaterabend, sondern auch ein Filmprojekt, das demnächst veröffentlicht werden soll. Dazwischen springt die Regisseurin des Stücks im Stück herum, wird immer exzentrischer und wahnsinniger, geht ganz im Revolutionstaumel auf.

Auch wenn das Konzept der sich überlagernden Ebenen nicht ganz aufgeht, ist „Die Revolution frisst ihre Kinder!“ eine mutige, vielversprechende Arbeit, die den üblichen Stadttheaterrahmen sprengt und zwischen all den oft recht ermüdenden, sich stark ähnelnden Textflächen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin als unerwarteter, spannender Impuls heraussticht.

Bilder: Lupi Spuma/Schauspielhaus Graz

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