Chinchilla Arschloch, waswas

Die beste Szene gibt es fast zu Beginn der neuen Dokutheater-Performance „Chinchilla Arschloch, waswas“: Benjamin Jürgens sitzt mitten im Publikum und erzählt anschaulich, was für eine Qual es für Menschen mit Tourette-Syndrom ist, ihre Tics soweit zu unterdrücken, so dass sie in der Straßenbahn oder im Theater nicht anecken.

Der Altenpfleger berichtet, dass sich seine Frau zum Geburtstag einen Besuch im Schauspiel Frankfurt wünschte. Schon die Anreise war heikel, da Jürgens mehrere Bahnen abwarten musste, bis eine so leer war, dass er sich nicht zu stark getriggert fühlte. Während eines langen Monologs eines Schauspielers brach ein „So ein Blödsinn“ – Hand aufs Herz, wer würde das nicht am liebsten auch regelmäßig beim Anblick missglückter Aufführungen dazwischenrufen?! – aus ihm heraus. Der Hauptdarsteller verhaspelte sich und war irritiert, dass hier jemand die Konventionen des Theaters brach: Stundenlanges Stillsitzen im Dunkeln, konzentriertes Zuhören, auf keinen Fall unangenehm auffallen sind die drei klassischen Erwartungen des Bildungsbürgertums an den Zuschauer vor der vierten Wand.

Helgard Haug vom Rimini Protokoll-Kollektiv lässt wie gewohnt außer Jürgens noch weitere „Experten des Alltags“ zu Wort kommen. In 28 kleinen Szenen hangeln sie sich durch den Abend, performen Tics, erzählen aus ihrem Leben. Bewusst bleibt in der Schwebe: ist der Tic jetzt gerade authentisch oder nur für die Bühne gespielt? In einer Schlüsselszene im Mittelteil fungiert Barbara Morgenstern, die als einzige auf der Bühne nicht von Tourette betroffen ist und am Klavier schöne, selbstkomponierte Popsongs beisteuert, als Schiedsrichterin: Sind das Fiepen, Miauen und die Beschimpfungen, mit denen zwei Akteure gegeneinander antreten, Fake oder echt?

Die etwas mehr als 90 Minuten hängen im Lauf des Abends etwas durch. Der Abend verläppert mit kleinen Gags wie der Pizza-Bestellung für eine Zuschauerin und bekommt auch nicht mehr die Kurve, als Bijan Kaffenberger, ein direkt gewählter SPD-Abgeordneter im Hessischen Landtag kurz vor Schluss dazu kommt. Er trägt bis auf die spitze Bemerkung, dass es sich bei den gezielten Provokationen der AfD um eine Art „Parlaments-Tourette“ handelt, wenig Neues bei. Eindrucksvoller war der Anwalts-Schriftwechsel mit einer Nachbarin, der einer der Tourette-Betroffenen regelmäßig „Arschloch“ am Gartenzaun hinterherruft, so dass sie vor Gericht ein Zwangsgeld für den Wiederholungsfall durchsetzte.

Bild: Robert Schittko

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