Stillstehen

Julie (Natalia Belitski) geht ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: auf dem Bett liegen und vor sich hin träumen. Angeekelt denkt sie über Ameisen nach: die strenge Hierarchie, die Pflichterfüllung, das komplexe Gebilde, bei dem jedes einzelne Ameise nur ein austauschbares Rädchen im Getriebe ist. All das stößt sie ab. Sie will völlig frei sein, sich nicht in die Gesellschaft einfügen müssen. Mit dem – mittlerweile fast aufgebrauchten – Erbe im Rücken ging das für einige Zeit auch halbwegs gut.

Um sich den Zwängen der Gesellschaft zu entziehen, hat sich Julie eine ungewöhnliche Strategie überlegt. In regelmäßigen Abständen fackelt sie Autos oder Häuser ab, so zu Beginn den PKW einer Zufallsbekanntschaft im Supermarkt, mit dem sie zuvor noch auf dem Rücksitz Sex hatte. So landet sie immer wieder in der Psychiatrie, deren Direktor Martin Wuttke sie wie eine gute alte Bekannte begrüßt, ihr neue Medikamente verschreibt und sie nach einigen Monaten wieder auf die Menschheit loslässt. Ansonsten freut sich der Anstaltsleiter vor allem auf den nahen Ruhestand und kümmert sich mehr um seinen Whiskey als um die Patienten.

Die überlässt er seinen Pfleger*innen: Nachdem Luis nach Julies letztem Psychiatrie-Aufenthalt das Weite suchte, soll sich diesmal Agnes (Luisa-Céline Gaffron) um sie kümmern. „Stillstehen“ erzählt vom Aufeinanderprallen zweier Frauen: der alle Regeln ablehnenden Julie und der mit ihrer Alltagsroutine unzufriedenen Agnes. Aufgerieben zwischen den Klinikstress und die Probleme mit ihrer dreijährigen, hyperaktiven Tochter möchte Agnes zum ersten Mal nicht das tun, was von ihr erwartet wird, und lässt sich auf eine Affäre ein.

Bemerkenswert ist, was für einen prominenten Cast die italienische, in Berlin lebende Regisseurin Elisa Mishto für ihr Spielfilm-Debüt zusammenbrachte: Neben Belitski und Wuttke sind hier vor allem auch Katharina Schüttler als Psychiatrie-Patientin Katrin und Jürgen Vogel in einem Kurzauftritt als Chef einer Reinigungsfirma zu nennen.

Auch die schräge Plot-Idee ist vielversprechend. Dennoch konnte „Stillstehen“ noch nicht überzeugen. Für eine Groteske wurden die skurrilen Ansätze noch nicht konsequent durchgezogen, für ein realistisches Drama gab es zu viele logische Ungereimtheiten im etwas zu umständlich erzählten Plot.

„Stillstehen“ konkurriert nach einigen Festival-Auftritten in der Reihe „Neues Deutsches Kino“ beim Filmfest München. Ein Kinostarttermin steht noch nicht fest, Farbverleih hat sich aber bereits die Rechte gesichert.

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