Es gilt das gesprochene Wort

Romantische Gefühle sind hier nicht zu spüren. Auf dem Hamburger Standesamt sitzen Baran (Oğulcan Arman Uslu) und Marion (Anne Ratte-Polle) die Trauungszeremonie brav ab. Hölzern und steif wirken die beiden, fast teilnahmslos. Erst als die Standesbeamtin (Katrin Wehlisch) sie auffordert, sich zu küssen, wagen sie eine zaghafte Berührung, die eher an den sozialistischen Bruderkuss als an ein verliebtes Paar erinnert.

So lakonisch wie die Eröffnungsszene ist auch der gesamte zweistündige Film von Ilker Çatak erzählt, der auf dem Filmfest München die Überraschung in der Reihe „Neues Deutsches Kino“ war. Dort wurde „Es gilt das gesprochene Wort“ mit zwei Förderpreisen für das Drehbuch (Nils Mohl/Ilker Çatak) und den besten Hauptdarsteller (Oğulcan Arman Uslu) ausgezeichnet.

Am Strand und in den Bars von Antalya treffen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite die toughe Pilotin Marion, die gewohnt ist, dass sie jede Situation schnell unter Kontrolle bekommt. Sie hat sich hinter einer Teflonschicht verschanzt und lässt die Annäherungsversuche der Außenwelt daran abperlen. Das wirkt nicht nur schnoddrig und kühl, sondern oft verletzend, wie ihre Langzeit-Affäre Raphael (Godehard Giese) zu spüren bekommt. Eine Krebsdiagnose bringt ihren durchgetakteten Alltag durcheinander und zwingt sie zu einer beruflichen Auszeit. Auf der anderen Seite Baran, der sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt und sich in seiner Rolle als Gigolo, der reiche Touristinnen zum Trinken animieren und ins Bett begleiten soll, sichtlich unwohl fühlt.

Er träumt davon, mit in den Westen zu fliegen und dort ein neues Leben anzufangen.  Seinen Vorschlag, eine Scheinehe einzugehen, weisen die Frauen üblicherweise als absurd zurück. Auch Marion winkt sofort ab. Warum sie sich nach einer Weile doch anders entscheidet und Baran nach Hamburg holt, lässt der Film bewusst offen.

In den folgenden beiden Kapiteln spielt der Film durch, wie sich diese völlig unwahrscheinliche Beziehung der beiden entwickeln könnte. Das Ringen um Nähe und Distanz zwischen den beiden zieht sich als großes Thema durch den Film. Vor allem wegen der beiden Hauptdarsteller*innen und der Spannung zwischen ihren Persönlichkeiten und Lebensentwürfen ist dieses Drama sehenswert.

Der bemerkenswerte Film des Nachwuchsregisseurs Çatak hatte gestern seine Berlin-Premiere und startet am 1. August in den Kinos.

Bilder: Copyright X Verleih AG/Eric Mosoni

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